Handelskonzern
Arcandor verliert letzten Ertragsbringer

Drei Wochen vor der geplanten Eröffnung des Insolvenzverfahrens über den Arcandor-Konzern verabschiedet sich die Touristiktochter Thomas Cook faktisch aus dem Unternehmen. Damit geht der letzte Etragsbringer des Konzerns komplett in die Hände der Gläubiger über – und de Eröffnung des Insolvenzverfahrens könnte mangels Masse scheitern.

DÜSSELDORF. Wie es in Bankenkreisen heißt, hat die Bayerische Landesbank die letzten 8,9 Prozent von Arcandors Thomas-Cook-Aktien auf ein eigenes Treuhanddepot umgebucht. „Wir haben nun keine Möglichkeit mehr, auf die Zukunft von Thomas Cook Einfluss zu nehmen“, bestätigte ein Arcandor-Sprecher.

Mit der Ausgliederung des einzigen Ertragsbringers schwinden die Chancen für den Essener Konzern, dass es wie vorgesehen am 1. September zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens kommt. Stimmen im Unternehmen warnen bereits davor, dass der Amtsrichter stattdessen mangels Masse die Aktendeckel schließen könnte. Denn auch ein finanzkräftiger Investor für Arcandor, um den sich Konzernchef Karl-Gerhard Eick bemüht, scheint nicht in Sicht. Der Konzern mit ehemals 19 Mrd. Euro Umsatz und 50 000 Mitarbeitern würde dann in den Folgemonaten abgewickelt und komplett dicht gemacht.

Dass er die Mitsprache beim Verkauf von Thomas Cook verliert, macht die Sache für den vorläufigen Insolvenzverwalter Klaus Görg noch schwieriger. Bislang hatte er die Pfandgläubiger darauf einschwören wollen, ihre Anteile an Thomas Cook en bloc zu verkaufen. Einzeln werden die 52,8 Prozent derzeit an der Börse mit insgesamt nur 1,26 Mrd. Euro bewertet, beim Verkauf des Gesamtpakets aber würde wohl ein Aufschlag fällig. Schließlich erhielte der Erwerber auf einen Schlag die Kontrollmehrheit über Europas zweitgrößten Reisekonzern. Vorteil für Görg: Alles, was den Verkaufserlös von 1,5 Mrd. Euro übersteigt, ginge in die Insolvenzmasse.

Doch ein konzertiertes Verkaufsverfahren rückt in weite Ferne. Schon nach dem Insolvenzantrag Anfang Juni hatten Arcandors Konsortialbanken von ihrem Pfandrecht Gebrauch gemacht. Unter Führung der BayernLB übernahmen sie 43,9 Prozent der Thomas-Cook-Aktien aus dem Besitz der Essener Konzernmutter. Nur die restlichen 8,9 Prozent an Thomas Cook blieben zunächst unter der Kontrolle von Arcandor. Doch auch sie hatte der Mutterkonzern verpfändet – an die Gläubiger einer Umtauschanleihe, mit der sich die Essener im vergangenen Jahr Geld beschafften.

Aus Furcht, die Thomas-Cook-Dividende an den Insolvenzverwalter zu verlieren, übernahm die BayernLB auch diese Aktien nun am Mittwoch – dem letzten möglichen Termin – treuhänderisch. Die Entscheidung für oder gegen den Verkauf im Gesamtpaket liege aber weiterhin bei den Anleihegläubigern, hieß es in Bankenkreisen.

Dass sie einem Paketverkauf zustimmen, wird immer unwahrscheinlicher, wie aus einem Antrag ihres Hauptvertreters JP Morgan hervorgeht. Auch von anderen Gläubigern erfuhr das Handelsblatt, statt eines Komplettverkaufs würden die Bondholder die Papiere lieber ins eigene Depot überstellt bekommen. Der erhoffte Paketzuschlag sei schließlich eher unsicher. Manche von ihnen dürften zudem auf ein noch höheres Übernahmeangebot hoffen. Das würde fällig, sobald ein neuer Investor mindestens 30 Prozent an Thomas Cook übernimmt. Interessenten wie der Kölner Rewe-Konzern hatten durchblicken lassen, dass sie bei einer Übernahme mit dem Touristikunternehmen einen gemeinsamen Finanztopf (Cash-Pool) bilden würden. Dazu aber müssten sie mindestens 75 Prozent an Thomas Cook erwerben – was den Aktienpreis deutlich nach oben triebe.

Die Londoner Anwaltskanzlei Ashurst, die einen Großteil der Anleihegläubiger vertritt, wollte dies nicht kommentieren. „Wir haben aber keinen Zweifel“, sagte Rechtsanwalt David von Saucken, „dass die Bayern LB im Interesse der Anleihegläubiger handelt.“

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