Hauptversammlung
Air Berlin und die 70 Aktionäre

Auf der Hauptversammlung der angeschlagenen Fluglinie in London hagelt es kaum Kritik am Management. Statt dessen übt sich mancher Kleinaktionär in einer seltenen Übung: der Danksagung.
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LondonLange hält die Ruhe auf der Hauptversammlung der angeschlagenen Fluggesellschaft Air Berlin nicht an. Schon wenige Minuten nach Beginn der Aktionärsversammlung, die die nach britischem Recht organisierte Airline seit Jahren fern der Heimat im britischen London veranstaltet, gibt es erste Kritik. „Die Lage von Air Berlin gleicht einem Fallschirmsprung ohne Fallschirm“, mault Kleinaktionär Manfred Klein aus Saarbrücken.

Doch wer glaubt, dass an diesem Mittwoch eine Generalabrechnung der Investoren folgt, der sieht sich getäuscht. Statt dessen übt sich mancher Kleinaktionär in einer selten Übung für ein hochdefizitäres Unternehmen: der Danksagung. „ Ich möchte mich bei Ihnen trotz aller widrigen Umstände bedanken“, schiebt Klein bald nach. Auch andere Anleger sprechen dem Führungszirkel Mut zu.

Kuscheln in schwierigen Zeiten: Schon bald ist klar, dass Vorstandschef Wolfgang Prock-Schauer einen leichten Stand hat, als er in einem Hotel-Sall in der Nähe des größten Londoner Flughafens Heathrow vor die Aktionäre tritt. Allerdings ist die Zahl der Männer und Frauen auf dem Podium von Vorstand und Verwaltungsrat auch fast größer als die der gut 70 angereisten Aktionäre.

Tiefrote Zahlen, Ungewissheit über den weiteren Kurs der Airline: War da was? Die meisten Anleger sind in London trotzdem nicht auf Krawall gebürstet. Es ist eher Resignation, die aus den Worten mancher Aktionäre spricht. Schon der vorherige Vorstandschef Hartmut Mehdorn habe Aufbruchsstimmung verbreitet, ruft Kleinaktionär Bruno Böhm aus Lübeck in den kleinen Saal. „Es kommt mir alles wie ein Déjà-vu vor.“ Auch Martin Stutzbach aus dem niedersächsischen Wunstorf schlägt in diese Kerbe. „Wir sind immer in der gleichen Situation: Im nächsten Jahr soll alles besser werden – nur bleiben die Ergebnisse immer schlecht.“ Er sei im Augenblick noch nicht überzeugt, dass es bei Air Berlin besser werde.

Das ist auch keine ganz große Schwierigkeit: Air Berlin ist seit Jahren finanziell angeschlagen. Nur Finanzspritzen des Großaktionärs, der Fluggesellschaft Etihad aus Abu Dhabi, verhinderten bisher das Schlimmste. Wegen eines übereilten Expansionskurses steht die mit ihrem „Mallorca-Shuttle“ bekannt gewordene Air Berlin tief in der Kreide und schrieb in den vergangenen fünf Jahren nur einmal Gewinne. Etihad gehören inzwischen knapp 30 Prozent an der zweitgrößten deutschen Airline. Der Aktienkurs der Lufthansa-Rivalin dümpelt derzeit um die 1,40 Euro – in den besten Zeiten unter der Regie von Firmengründer Achim Hunold wurden mehr als 22 Euro für eine Air-Berlin-Aktie fällig.

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Ein Blankoscheck für Etihad?

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