Hermès und LVMH: Schlammschlacht in Lederrock und Kaschmir-Schal

Hermès und LVMH
Schlammschlacht in Lederrock und Kaschmir-Schal

Frankreichs Luxus-Konzerne Hermès und LVMH verschärfen ihren öffentlich ausgetragenen Konflikt. Mit Axel Dumas als neuem Mann an der Hermès-Spitze will man die Truppe von Bernard Arnault möglichst schnell loswerden.
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ParisVerstimmungen zwischen Unternehmen kommen ab und zu vor. Öffentlich ausgetragen werden sie selten. Eine über Jahre hinweg ausgetragen Familienfehde wie die zwischen Hermès und LVMH, dem von Bernard Arnault geführten Branchenprimus, aber hat absoluten Seltenheitswert. Am Dienstag, auf der Hauptversammlung von Hermès in Paris, hat einer der beiden Stämme einen neuen Häuptling gewählt: Axel Dumas, direkter Nachkomme des Firmengründers Thierry Hermès, der das Luxus-Haus 1837 gründete, tritt die Nachfolge von Patrick Thomas an, der sich nach ein paar Monaten Doppelspitze zurückziehen wird.

Dumas nutzte die Gelegenheit – nicht, um das Kriegsbeil zu begraben, sondern um es noch mal ordentlich zu schärfen: „Auch mit mir an der Spitze bleibt es bei unserer Haltung: Die Beteiligung von LVMH an Hermès ist weder erwünscht noch wünschenswert.“ Thomas bot noch stärkeren Tobak: „LVMH hat sich mit betrügerischen Methoden Zugang zu unserem Aktionariat verschafft.“ Das ist nicht unbedingt der Tonfall, den Milliardäre in der Öffentlichkeit pflegen. Wegen der „betrügerischen Methoden“ habe man ein Strafverfahren angestrengt, erläuterte Thomas. Ziel sei es, die Arnault-Truppe wieder loszuwerden: „Die Anhörung der Finanzmarktaufsicht AMF in der vergangenen Woche bestärkt unsere Argumente“, sagte Thomas.

Wie einen schmuddeligen Parvenü, der sich mit gefälschten Papieren Zugang zu einem erlauchten Kreis verschafft hat, behandeln die Hermès-Erben ihren Kontrahenten Arnault. Der sammelt in LVMH die Luxusfirmen so wie andere bunte Schmetterlinge. Das besonders prachtvolle, Orange gefärbte Exemplar namens Hermès flattert ihm schon lange vor der Nase herum, will ihm aber nicht ins Netz gehen. Die Erben weigern sich, zu verkaufen. Nur ein kleiner Teil der Aktien wird frei an der Börse gehandelt. Da hat Arnault eben ein wenig nachgeholfen.

Über Jahre hinweg, so die Finanzmarktaufseher in einem Bericht, den Le Monde vergangene Woche auszugsweise veröffentlichte und als „so spannend wie einen Krimi“ charakterisierte, habe Arnault mit Anwälten und Investmentbanken eine Strategie ausgefeilt, um unbemerkt bei Hermès einsteigen zu können. Dafür kaufte er Aktien-Swaps. Sie sind eine Tarnkappe für Investoren: Der Käufer erwirbt nicht die zugrundeliegende Aktie, sondern das Recht auf Zahlungen der Bank, falls ein bestimmter Börsenkurs des Papiers übertroffen wird. Da der Investor anders als beim Kauf von Aktien weder ein Übernahmegebot machen noch das Überschreiten bestimmter Schwellen melden musste, blieb er völlig unerkannt. Kein Marktteilnehmer merkte, welches Netz Arnault da aufspannte.

Geprellte Aktionäre

Im Herbst 2010 zog er es zu. Da verlangte er von den Banken nämlich, die Swaps nicht durch Zahlungen abzulösen, sondern durch die Lieferung der Hermès-Aktien. Schlagartig erreichte er eine Beteiligung von gut 22 Prozent. Die Hermès-Erben waren entsetzt: Der Erzfeind stand plötzlich im eigenen Haus.

Möglich wurde das allerdings auch, weil zumindest ein Familienmitglied verkaufte. Und illegal war Arnaults Vorgehen wohl nicht: Anders als Thomas suggeriert, haben die Finanzmarktaufseher von der AMF Arnault weder Insider-Vergehen noch die Manipulation des Börsenkurses vorgeworfen. Und das Übernahme-Recht sah damals noch nicht die Pflicht vor, bei Überschreiten bestimmter Schwellen die Tarnkappe abzusetzen. Doch sagen die Aufseher durchaus, dass der LVM-Chef spätestens im Juni 2010, als er wusste, dass mindestens zwei Banken ihm die Aktien liefern würden, die Öffentlichkeit hätte informieren müssen und nicht erst im Oktober desselben Jahres. 

Die Hermès-Erben dagegen sehen die Sache als gravierender an und setzen deswegen nicht nur auf die Aufseher, sondern darüber hinaus auf ein Gerichtsverfahren: Kein Aktionär hätte seine Papiere für lediglich rund 80 Euro abgegeben, wenn er gewusst hätte, dass Arnault letzten Endes an einer gezielten Einstiegs- oder Übernahmestrategie arbeitete. Ende  2012 notierten die Hermès-Aktien bei 226 Euro. Mittlerweile stehen sie bei knapp 270 Euro. „LVMH hat einen gewaltigen Gewinn erzielt, der nicht ihnen zusteht, sondern den geprellten Aktionären“, erzürnte sich Patrick Thomas vor der Hauptversammlung im prall gefüllten Pariser Kongresspalast.

Arnault dagegen gibt die verfolgte Unschuld. Er habe ja eigentlich bei Auslaufen der  Swaps das Geld sehen wollen, machen seine Kommunikatoren geltend. Das sei aber 2010 nicht möglich gewesen, hone schwere Verwerfungen an der Börse auszulösen. So habe man eben ganz anders als geplant die Lieferung der Aktien akzeptiert – schweren Herzens sozusagen. Was er weiter vorhat, lässt Arnault stets im Dunkeln. Einen Sitz im Hermès-Verwaltungsrat hat er nie beantragt, „ das wäre eine Kriegserklärung“, sagt ein Insider – so als lebten die Streithähne noch im Frieden. Während der LVMH-Anwalt bei einer Anhörung sagte, die Beteiligung könne durchaus verkauft werden, korrigierte LVMH  schnell und sagte, das sei ja nun zumindest eine durchaus lohnende Finanzbeteiligung. Was man bei einer Eigenkapitalrendite von 32 Prozent ordentlichen Dividendenzahlungen durchaus sagen kann.

In der Kulisse des Traums

In Wirklichkeit aber hat Arnault wohl nie das Ziel aufgegeben, Hermès zu übernehmen. Das ist nun schwerer zu erreichen, weil nach seiner Nacht-und-Nebel-Aktion die Familie die Mehrheit der Anteile in einer Holding mit Vorkaufsrecht untergebracht hat. Die Erbengruppe müsste wohl völlig auseinanderfallen, damit Arnault eine Chance hat. Je länger der Streit andauert, um so unwahrscheinlicher wird das. Insofern hat der Krieg in Lederrock und Kaschmirschal durchaus einen rationalen Hintergrund – er schweißt die Hermès-Erben zusammen.

Für die Branche der französischen Luxus-Hersteller insgesamt ist die Schlammschlacht dagegen eher ein wenig peinlich. Und auch bei LVMH räumt man ein, dass eine Geldbuße durch die AMF – die Entscheidung fällt Ende Juli – das eigene Image schädigen könnte. Ihnen ist daran gelegen, dass man wieder mehr über die Qualität der eigenen Produkte und gediegenes Handwerk redet als über Financial Engineering und Anschleich-Taktiken. Mitte Juni werden deshalb 60 LVMH-Produktionsstätten ihre Pforten für das Publikum öffnen,  vom mythischen Chateau d’Yquem südlich von Bordeaux über die Salons Dior bis zu einer Werkstatt von Louis Vuitton im Nordwesten von Paris. „In den Kulissen des Traums“ nennt sich die PR-Aktion.

Der Koffer- und Taschenhersteller mit dem übermäßig markanten Logo – LV und Stern – ist das beliebteste Opfer von Produktpiraterie. Aber nicht nur deshalb, sondern auch weil im Louis Vuitton-Geschäft auf den Champs Elysées die Touristen sich drängeln als ginge es in die Bumsbude von Abercrombie hat das Image möglicherweise etwas gelitten. LVMH bestreitet das, hebt aber gleichzeitig hervor, dass man das Logo mittlerweile viel seltener einsetze.

Noch sind die französischen Luxusschmieden wahre Gelddruckmaschinen. Doch erstmals flachen die Zuwachskurven etwas ab. Die Interessenvertretung dieser Unternehmen, das Comité Colbert, strengt sich deshalb an, um französisches „savoir faire“ zu verteidigen, die Ausnahmestellung gegen jede verflachende Regulierung aus Brüssel zu sichern und sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Mit Leica und Mont Blanc wurden erstmals zwei deutsche Firmen aufgenommen. Ende Juni wird das Comité Colbert seine Jahresversammlung in Berlin abhalten. Und auch der Kampf gegen die Produktpiraterie kommt nicht zu kurz: Nächste Woche wird die Außenhandelsministerin Nicole Bricq eine große Vernichtungsaktion von gefälschten Produkten leiten, die der französische Zoll abgefangen hat. Zumindest da dürften die Streithähne Hermès und LVMH sich gemeinsam freuen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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