Hertie-Insolvenz
Hertie – das Protokoll eines Niedergangs

Im Ringen um die Zukunft der insolventen Essener Warenhauskette Hertie haben die Investoren ihr Angebot zurückgezogen. Eine Rettung wird somit immer unwahrscheinlicher. Zumal sich auch der Insolvenzverwalter und der frühere Eigentümer, ein Londoner Finanzinvestor, bekriegen. Das Protokoll des Niedergangs.

DÜSSELDORF. Als Biner Bähr am 1. August 2008 seinen dunkelgrünen Alfa Romeo Spyder im Teelbruch 12 im Essener Stadtteil Kettwig vor weißen Bürowürfeln parkt, ahnt er, dass er einen besonders komplizierten Notfall übernommen hat. Er kann das einschätzen, er hat komplizierte Firmenpleiten begleitet, seine Kanzlei White & Case genießt einen guten Ruf. Hertie heißt Bährs neuer Patient.

Bähr ist zum vorläufigen Insolvenzverwalter berufen worden. Er rückt mit einer Handvoll Getreuer an, er braucht schnell einen Überblick. Was er vorfindet, ist ein Desaster. 100 Millionen Euro musste die britische Investorengruppe Dawnay Day berappen, um die operativen Verluste auszugleichen, die die Tochter im Geschäftsjahr angehäuft hat. Der Umsatz ist in zwei Jahren von 680 auf 440 Millionen Euro geschrumpft. Dass es schwer wird, weiß Bähr. Was alles auf ihn zukommt, wohl nicht.

Er findet keinen Käufer, stattdessen steht die Frage im Raum, ob ein ehrgeiziger Insolvenzverwalter sinnlos das Sterben eines Unternehmens verlängert oder ob ein gewissenloser Finanzinvestor die Rettung von 4000 Arbeitsplätzen verhindert, um so viel wie möglich für seine Investoren herauszuholen. Beide Seiten sind heillos zerstritten. Es geht um die fragwürdigen Praktiken eines Finanzinvestors, nebulöse Investoren, um Angestellte, deren Hoffnungen Mal um Mal enttäuscht werden. Der Insolvenzverwalter Bähr muss sich darauf gefasst machen, von Gläubigern auf Schadensersatz verklagt zu werden. Heute muss er ihnen Rede und Antwort stehen, und Hertie schuldet ihnen eine Menge Geld.

I. Bähr übernimmt

Im Sommer 2005 verkauft der Warenhauskonzern Karstadt-Quelle, inzwischen Arcandor, 74 kleinere Warenhäuser an den britischen Finanzinvestor Dawnay Day. Ob der 500 Millionen Euro zahlt, wie die Arcandor-Spitze behauptet, oder 400 Millionen, wie Beteiligte unter der Hand sagen: Es ist ein sehr hoher Preis für sanierungsbedürftige Betonklötze. Der im Einzelhandel völlig unerfahrene Investor kriegt das lahmende Geschäft nicht in den Griff. Die Umsätze sinken weiter, die Verluste steigen. Da hilft es auch nichts, dass Dawnay Day den Namen Hertie wieder eingeführt hat. Ende Juli 2008 beantragt Hertie Insolvenz.

Das Amtsgericht Essen betraut Biner Bähr mit dem Fall. Bähr, 45 Jahre alt, Fachanwalt und Betriebswirt, gehörte zum Team, das Europas größten Möbelhersteller Schieder so geschickt in Einzelteilen verkaufte, dass 9000 der 11000 Arbeitsplätze gerettet wurden. Den Motorradzubehör-Anbieter Eurobike/Hein Gericke hat Bähr durch eine Sanierung so hinbekommen, dass er das Unternehmen für 77 Millionen Euro an Amerikaner verkaufen konnte. Entsprechend hoch sind in Essen die Erwartungen.

Mitte Mai 2009, Fußgängerzone in Wesseling, südlich von Köln. Im Erdgeschoss der Filiale baumeln Dutzende weißer Eimer von der Decke. Ohne sie stünde die Etage unter Wasser, CDs und Damenoberbekleidung wären durchweicht. Teile der Ware sind Jahre alt, auf den Preisschildern steht noch das alte Karstadt-"K". Die Tristesse ist ein Sinnbild für den Zustand der Hertie-Kette. Marode Rolltreppen, bröselnder Putz in Parkhäusern, mangelhafter Feuerschutz.

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