Hochgeschwindigkeitszug Eurostar
Peinlicher Behelf

Für einen Teil der neuen europäischen Hochgeschwindigkeitsstrecken gibt es noch gar keine Züge. Eisenbahngesellschaften und Behörden sind nicht in der Lage, den Schienenverkehr zügig zur ernsthaften Alternative zum Flugverkehr auszubauen. Ein Possenspiel, das die Fluglinien freut.
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DÜSSELDORF. Der 14. November dieses Jahres wird für den Hochgeschwindigkeitszug Eurostar ein Meilenstein. Mit der Eröffnung des neuen Streckenabschnitts auf britischer Seite verkürzt sich die Fahrtzeit von Paris durch den Ärmelkanal nach London um 20 Minuten auf nur noch 2,15 Stunden. Nach zwei riesigen Tunneln kommen die Züge ans Licht und rollen unter das gewaltige Glasdach des viktorianischen Bahnhofs von St. Pancras im Norden Londons.

Nur gut, dass André Leboucher sich auf der 109 Kilometer langen, fast vier Milliarden Euro teuren Strecke nicht als Europäer beweisen wollte. Der Chef des Pariser Infrastrukturdienstleisters Systra hatte nicht das europäische Leit- und Sicherungssystems ETCS, sondern das alte französische Zug-steuerungssystem TVM 430 installiert. Hätte er sich auf das zukunftsweisende ETCS kapriziert, wäre der Eurostar überhaupt nicht über die neue Trasse gekommen.

Der Behelf mit hausbackener Technologie auf neuestem Fahrweg zeigt, wie wenig die Eisenbahngesellschaften und Behörden in der Lage sind, den Schienenverkehr zügig zur ernsthaften Alternative zum Flugverkehr auszubauen. Aufwendige Brücken und Tunnel warten bis heute darauf, befahren zu werden. Statt wie auf Festreden versprochen die Metropolen mit Tempo 300 zu verbinden, zuckeln die Waggons teilweise nur halb so schnell über Land.

Überall in Europa werden zurzeit Hochgeschwindigkeitsstrecken für den Bahnverkehr fertiggestellt oder in Betrieb genommen. Anfang Juni war es zwischen Paris—Frankfurt sowie Paris—Stuttgart so weit. Auch die insgesamt 2,35 Milliarden Euro teuren Abschnitte zwischen Brüssel und Antwerpen sowie zwischen Lüttich und der deutschen Grenze bei Aachen sind fahrbereit.

Doch auf wichtigen Abschnitten sind die Hochgeschwindigkeitszüge mit den hochmodernen Triebköpfen nicht in der Lage, die neuen Trassen optimal zu benutzen. Reisende zwischen Brüssel und Antwerpen müssen in lokbespannte Züge steigen, um halb so schnell wie möglich die Schnellverbindung zu befahren. Auch Fahrgäste von Köln oder Aachen nach Brüssel müssen sich bescheiden. Der Abschnitt zwischen der deutschen Grenze und Lüttich könnte zwar von Dezember an befahren werden, wodurch sich die Fahrtzeit um etwa 45 Minuten reduzierte. Doch die schnellen Züge sind frühestens im Dezember 2008, vermutlich sogar erst 2009 einsatzbereit. "Wir haben die Zeit für die Umrüstung unterschätzt, die Züge sind noch nicht fertig", gibt ein Manager einer ausländischen Bahn zu.

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