Humanitäre Unterstützung
Schnelle Hilfe im Katastrophenfall

Internationale Hilfsorganisationen setzen zunehmend auf das Know-how der Logistiker, um ihre Güter rascher ans Ziel zu bringen. Aber gerade bei humanitären Katastrophen sind logistische Probleme vorgezeichnet – nicht nur, weil die Infrastruktur zerstört ist.
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KÖLN. Mitte Januar bebte die Erde von Haiti. Tausende Menschen starben. Der überlastete Flughafen in Port-au-Prince wurde zum Nadelöhr. Flieger mit wichtigen Medikamenten, Treibstoff und Trinkwasser mussten gar umkehren. Der Seeweg war versperrt, der Hafen zerstört, der Landweg vom Ausweichflughafen in Santo Domingo in der benachbarten Dominikanischen Republik zeitweise völlig verstopft.

Bei humanitären Katastrophen sind logistische Probleme vorgezeichnet – nicht nur, weil die Infrastruktur zerstört ist. Die Koordination ist schwierig, weil es oft keine klaren Zuständigkeiten gibt. Lange Zeit hat sich kaum jemand an dieses Problem herangewagt. „Wir haben uns nur um den kommerziellen Bereich gekümmert und humanitäre Logistik den Hilfsorganisationen überlassen“, sagt Helmut Baumgarten, Logistik-Professor an der TU Berlin. Das soll sich ändern: Baumgarten hat im Arbeitskreis „Humanitäre Logistik“ der Bundesvereinigung Logistik (BVL) Hilfsorganisationen, Dienstleister, Industrie und Wissenschaftler an einen Tisch geholt.

Helfern fehlt Fachwissen

Ein Problem ist das fehlende Know-how der meisten Hilfsorganisationen. „Es sind meist Menschen, die helfen wollen, die aber kaum Logistikwissen haben“, sagt Martin Willhaus, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung. Diese fördert seit 2001 Forschungsprojekte zur humanitären Logistik an der TU Berlin und entwickelt Schulungen für die Helfer.

Innerhalb der BVL setzt sich Dorit Bölsche, die an der Hochschule Fulda Logistik lehrt, dafür ein, das Verhältnis zwischen Hilfsorganisationen und Dienstleistern zu verbessern. „Oft verstehen sich beide Seiten nicht“, sagt sie. Das liege auch daran, dass Logistikunternehmen marktwirtschaftlich denken und im Katastrophenfall schwer umschalten können: „Sie sind nicht vorbereitet auf politische und kulturelle Rahmenbedingungen vor Ort.“

Schwierig ist auch die Preisfrage: „Leider gibt es immer wieder Krisengewinnler“, sagt Willhaus. So erhöhe mancher Anbieter in Notsituation gar die Preise. Ein Flugzeug nach Haiti kostete in Krisenzeiten bis zu 750 000 Dollar, schätzt der Experte. „Humanitäre Logistik ist ein Milliardengeschäft“, sagt er. Sie verschlingt im Schnitt die Hälfte der Mittel bei Hilfseinsätzen. Die großen Organisationen wie das Rote Kreuz oder das World Food Programme der Vereinten Nationen haben dauerhafte Vereinbarungen mit Dienstleistern getroffen. Kleinere Hilfsorganisationen bitten Logistiker dagegen oft um kostenlose Hilfe. „Nothilfe-Einsätze sind sehr teuer“, sagt Willhaus. „Niemand kann das umsonst machen.“ Baumgarten wünscht sich jedoch, dass die Profis ihre Hilfe zum Selbstkostenpreis anbieten.

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