ICE-Chaos
Mehdorn droht Zugherstellern

Auch am Wochenende musste die Deutsche Bahn wieder ICE-Züge aus dem Verkehr ziehen, um diese nach Schäden zu abzusuchen. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn droht den Herstellern nun mit Regressforderungen.

HB. DÜSSELDORF. „Wir werden Schadenersatzforderungen gegen die Industrie prüfen, denn wir sind auf absolut verlässliche Garantien angewiesen“, sagte Mehdorn der „Bild am Sonntag“. Sicherheit sei das höchste Gut des Unternehmens. „In diesem Punkt sind wir völlig kompromisslos“, ergänzte Mehdorn.

Ursache für die Auseinandersetzung ist die Entdeckung eines Haarrisses in der Achse eines Neigetechnik-ICE. Er war bei einer routinemäßigen Ultraschallprüfung nach einer Fahrleistung des Zuges von 240 000 Kilometern aufgespürt worden. Den Technikern der Bahn gelang es nicht zu ermitteln, in welcher Zeit der Riss sich entwickelt hatte und wie schnell der Schaden sich hätte ausweiten können. Nachdem auch ein externer Gutachter ratlos blieb, forderte die Bahn das Hersteller-Konsortium zu einer konkreten Aussage auf. Doch die Industrie konnte in der Krisensitzung keine Garantien oder Einschätzungen abgeben, erfuhr das Handelsblatt aus dem Umfeld der Sitzungsteilnehmer.

Bereits nach einem Krisentreffen mit führenden Vertretern des ICE-T-Herstellerkonsortiums der drei großen Bahntechnik-Konzerne Alstom, Bombardier und Siemens am Freitag hatte Bahnchef Hartmut Mehdorn die Firmen massiv kritisiert. „Wir sehen uns von der Industrie im Stich gelassen, die uns mit nicht belastbaren und unklaren Angaben konfrontiert“, ließ Mehdorn erklären. Die Bahn forderte das Konsortium „ultimativ“ auf, „klare Garantien für den sicheren Betrieb der ICE-T-Fahrzeuge abzugeben.

Die von der Bahn kurzfristig zum vergangenen Samstag angeordnete Stilllegung und Sicherheitsüberprüfung der rund 70 ICE-T-Züge, die dank Neigetechnik auf kurvenreichen Strecken schneller fahren können als herkömmliche Züge, hat bereits am Wochenende den Fahrplan im Fernverkehr erheblich durcheinander gewirbelt. Die im Ersatzverkehr eingesetzten kürzeren Züge waren zum Teil überfüllt. Zudem gab es deutliche Verspätungen, da die Ersatzzüge nicht so schnell fahren können. Wie lange die Beschränkungen andauern, konnte ein Sprecher der DB Fernverkehr bisher nicht sagen. Die Bahn teilte am Sonntag lediglich mit, den Ersatzverkehr in den kommenden Tagen durch zusätzliche Fahrzeuge zu verstärken.

Die Ursache des Achsbruchs ist immer noch nicht ermittelt. Im Auftrag des Eisenbahn-Bundesamtes hatte die Bundesanstalt für Materialprüfung die havarierte Achse untersucht, Ergebnisse stehen immer noch aus. Aus Kreisen der Industrie heißt es, an diesem Prozess seien die Unternehmen überhaupt nicht beteiligt worden, ihnen seien nicht einmal Zwischenergebnisse mitgeteilt worden.

Das Thema betrifft insbesondere den französischen Bahntechnikkonzern Alstom. Der liefert wesentliche Teile der Neigetechnik, einschließlich der Radsätze. Es handelt sich um die in Italien entwickelte „Pendolino“-Technik, die seit vielen Jahren dort und weltweit in etliche Züge eingebaut wird. Sie war unter Federführung der Bahnsparte des italienischen Autokonzerns Fiat entwickelt worden, die vor einigen Jahren von Alstom übernommen wurde.ek/dpa

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