Industrie
Badische Firma bläst zur Bierdeckel-Weltrevolution

97 Prozent aller Bierdeckel, die in Amerika in den Kneipen ausliegen, sind von der kleinen badischen Firma Katz. Der Hersteller hat 70 Prozent Weltmarktanteil - und ist trotzdem insolvent. Nun bastelt der Chef an der Rettung - per Weltrevolution.

WEISENBACH. Tief im badischen Fichtenwald, wo der Bach rauscht und die Mühle klappert, da köchelt die Bierdeckel-Weltrevolution. Zwei Angestellte, Pausenbrote zwischen die Finger geklemmt, schwätzen noch, als Garry Hobson hereinstürmt. Der selbst ernannte Revolutionsführer pflanzt sich vor seine Truppe auf und beginnt das Gespräch - im feinsten Oxford-Englisch. Die Mitarbeiter blinzeln verständnislos. Englisch gehörte hier bei Katz in Weisenbach nie zur Einstellungsvoraussetzung. Leider ist mit dem Boss nicht anders zu sprechen. Auch nach vier Jahren als Chef versteht er immer noch kein Deutsch.

Hobson ist Vorstandschef, auf seiner Visitenkarte steht "CEO", des Bierdeckelherstellers Katz Group. 240 Mitarbeiter, 50 Kilometer südlich von Karlsruhe. Marktanteil etwa 70 Prozent - weltweit. Dennoch steckt Beinahemonopolist Katz seit April in der Insolvenz. Kaum zu glauben, aber wahr.

Es gibt Unternehmen, die die Krise in die Pleite jagt, Aufträge futsch, Umsatz weg, Fixkosten noch da, Exitus. Und es gibt die Unternehmen, die sich selbst in die Krise gelenkt haben, weil sie zu langsam waren, zu starr, die sich viel zu lange mehr mit sich selbst als mit ihrem Markt befassten. So ein Unternehmen ist Katz.

Es ist noch nicht alles verloren im Badischen. Kommenden Dienstag tagt die Gläubigerversammlung und will einen neuen Investor finden. Interessenten gibt es. Dem Käufer will sich Garry Hobson dann empfehlen, indem er den Bierdeckel revolutioniert - und so seinen Job behält. Prost, Mahlzeit.

Der Weg ins Büro des Revoluzzers führt über schmale Straßen, durch dichte Fichtenwälder, vorbei an schmucken Zweifamilienhäusern. Ein paar Dutzend davon plus Bahnhof, Edeka, Bäcker, Apotheke, das ist Weisenbach, Welthauptdorf der Bierdeckel.

Hier wurde 1903 erstmals ein Bierdeckel industriell produziert. Erfunden hatte den Unterleger zwar 1893 der Dresdner Robert Sputh. Aber Casimir Otto Katz, Spross einer Sägewerksdynastie, deren Firma seit 1716 in Weisenbach residiert, stellte zehn Jahre später den ersten Bierdeckel heutigen Formats her. Katz wuchs - ebenso die Bedeutung des Bierdeckels. Galt er zunächst nur als Schutz für Tisch oder Trank - je nachdem ob unter oder aufs Glas gelegt -, entdeckten die großen Brauereien ihn als Werbeträger. Politiker machten ihn, der ganz früher aus Filz war, gar zur Richtgröße für ein modernes Steuersystem.

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