Inside: Air Berlin
Vor dem Ritterschlag

Der Aachener Karnevalsverein hat mit Joachim Hunold, dem Vorstandschef der Air Berlin, Ehrenvolles vor: In der gerade begonnenen Narren-Saison will er ihn in den erlauchten Kreis der Ritter des „Ordens wider den tierischen Ernst“ aufnehmen. Für den Düsseldorfer mit angeborener rheinischer Frohnatur sind Ritterschlag und Büttenrede aus dem Narrenkäfig sicher eine Kür. In der Pflicht dagegen geht es bei Hunold derzeit eher tierisch ernst zu – wenn auch nicht erfolglos

DÜSSELDORF. Nach einem schwachen Börsenstart im Frühjahr hatte Air Berlin spätestens nach der Übernahme der Fluggesellschaft DBA erheblichen Auftrieb. Bis vergangene Woche: Da brach der Aktienkurs trotz gar nicht so schlechter Quartalszahlen ein. Denn der Börsen-Neuling holte sich mit der Ankündigung, bei Boeing eine Flugzeug-Großbestellung zu platzieren, eine blutige Nase. Grund: Das Management blieb die Antwort schuldig, wie die milliardenschwere Order finanziert werden sollte.

Sofort geisterte das Wort „Kapitalerhöhung“ durch Analystenkommentare. Ob Hunold diese seinen bisherigen Aktionären wirklich zumuten muss, ist jedoch keineswegs gesagt. Der künftige Ritter wider den tierischen Ernst ist in der Airline-Branche als Fuchs bekannt. So wird bei Börsianern wie bei Airlinern erwartet, dass ihn die Investition in insgesamt 85 neue Jets nur Bruchteile des von Boeing angegebenen Listenpreises von 5,1 Milliarden Euro kosten wird.

Schätzungen beziffern den Rabatt auf gut und gerne 40 Prozent, hat Air Berlin doch Boeing zum größten Auftrag aus Deutschland in der Luftfahrtgeschichte verholfen. Wenn man dann bedenkt, dass die Flugzeuge nur nach und nach ausgeliefert werden und Air Berlin zudem Teile der bisherigen Flotte verkaufen wird, klingen die für sich astronomischen Summen über die Jahre verteilt schon harmloser.

So gesehen könnte das Schweigen über die Finanzierung des Großauftrages eine PR-Panne sein – Unerfahrenheit auf dem glatten Börsenparkett. Doch das ist kaum wahrscheinlich: Der Mann an der Spitze der Air Berlin, bislang auch bekannt für seine flinke Zunge, hat seit dem Going-Public schnell dazu gelernt.

In der Branche wird etwas anderes vermutet: Möglicherweise wird die Air Berlin, die sich nach der Übernahme der DBA neben ihrer Rolle als Ferien- und Billigflieger jetzt mehr und mehr auch als Anbieter von Geschäftsreisen sieht, in absehbarer Zeit erneut einen anderen, größeren Zuschnitt bekommen: Die lang anhaltenden Gerüchte, dass Europas größter Touristikanbieter Tui seine Fluggesellschaften Hapagfly und HLX unters Dach der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft einbringt, wollen nicht verstummen.

Das denkbare Modell: Die Tui steigt mit ihren Fluggesellschaften bei Air Berlin ein und wird Großaktionär der als britische Plc notierten Gesellschaft. Damit würde verständlich, weshalb sich Hunold hinsichtlich der Finanzierung der neuen Flugzeuge derzeit bedeckt hält. Falls die Tui an Bord geht, werden die Karten sicher neu gemischt.

Mitte Dezember muss der Tui-Aufsichtsrat die Weichen beim Reiseriesen neu stellen, um ihn in der nur noch verhalten wachsenden Touristikbranche wieder flotter zu machen. Dazu könnte, so die Spekulationen, eben auch zählen, das Fluggeschäft neu zu organisieren.

Für Air Berlin wäre es ideal: Die Pauschalurlauber des Hannoveraner Konzerns lieferten die Grundauslastung der Flotte. Und Hunold könnte den lukrativen Einzelverkauf von Flugtickets weiter ankurbeln. Der Wettbewerb um Passagiere wird tierisch ernst.

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