Inside: Karstadt
Riskante Verlockung

Wird Karstadt jetzt zum Kern eines neuen europäischen Warenhauskonzerns? Andeutungen aus der Essener Unternehmenszentrale und aus Bieterkreisen für die zum Verkauf stehenden Immobilien legen diesen Schluss nahe. Haupttreiber dieser Fantasien ist Thomas Middelhoff, Vorstandschef des soeben in Arcandor umbenannten Karstadt-Quelle-Konzerns.

DÜSSELDORF. Der hatte schon vor Monaten von einer europaweiten Expansion geschwärmt, sogar von neuen Karstadt-Häusern in Moskau, Sankt Petersburg und Dubai. Auch mögliche Partnerschaften mit ausländischen Warenhausbetreibern brachte Middelhoff ins Spiel, kombiniert mit einem Börsengang der Arcandor-Tochter Karstadt in London.

Vor zwei Wochen dann heizte er die Spekulationen zusätzlich an. Auf einem Berliner Investorentreffen erzählte er, unter den Bietern für das Arcandor-Immobilienpaket befänden sich drei Interessenten, die auch am operativen Geschäft von Karstadt interessiert seien.

Einer von ihnen, so stellt sich nun heraus, ist ein Konsortium von Pirelli Real Estate und Deutsche Bank Estate (Rreef) – was abermals für Spekulationen sorgt. Sie nämlich stehen im Verdacht, derzeit an einem europaweiten Warenhauskonzern zu basteln. Im November 2006 hatte Rreef gemeinsam mit Pirelli und dem italienischen Handelsunternehmer Maurizio Borletti die 17 ertragsschwachen französischen Printemps-Warenhäuser von PPR übernommen, für damals 1,1 Milliarden Euro. Borletti, Pirelli und Rreef übernahmen zudem 2005 die Mailänder Warenhauskette La Rinascente für 880 Millionen Euro. Jetzt könnte ihnen auch Karstadt in die Hände fallen.

Der Wirbel um diese Spekulationen ist ganz nach dem Geschmack Middelhoffs. Er lenkt nämlich davon ab, dass Arcandor mit dem Verkauf seiner Immobilien erheblich in Zeitverzug geraten ist. Ursprünglich sollten die 85 Warenhäuser und zwölf Sportgeschäfte spätestens bis 30. September, dem Ende des Arcandor-Geschäftsjahres, komplett verkauft werden.

Die Essener hatten schon 2006 bei der Weitergabe ihrer Immobilien an das Joint Venture High-street, an dem sie selbst mit 49 Prozent beteiligt sind, 3,7 Milliarden Euro einstreichen können. Bei dem endgültigen Verkauf stehen ihnen laut Vereinbarung mit dem Joint-Venture-Partner Goldman Sachs noch einmal mindestens 800 Millionen. Euro zu. Genau diese Summe benötigt Middelhoff, um den Kaufpreis für den vor wenigen Monaten erworbenen 50-Prozent-Anteil der Lufthansa an Thomas Cook zu begleichen. Noch aber verzögert sich der Zahlungseingang.

Dass sich das Warten für Karstadt angesichts der neuen Bieter lohnt, darf bezweifelt werden. Denn die Warenhäuser gerieten unter den neuen Eigentümern vom Regen in die Traufe. Gemeinsam mit Printemps und La Rinascente käme Karstadt auf ein Umsatzvolumen von nicht einmal sieben Milliarden Euro. Bei Lieferanten drohen damit schlechtere Einkaufskonditionen, denn derzeit bündeln die Warenhäuser gemeinsam mit der Arcandor-Tochter Quelle neun Milliarden Euro Außenumsatz.

Middelhoff könnte eine ganz andere Motivation treiben: Er wäre mit dem Deal einen weiteren Verlustbringer los.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%