Inside: Telecom Italia
Tronchetti an der kurzen Leine

Italien – so suggeriert der Vorgang – wird sich nie ändern: Da poolen die einflussreichen Finanzhäuser Mediobanca und Generali ihre Interessen in der Telecom Italia und bilden gemeinsam mit Pirelli einen Aktionärspakt, angeblich zur Verteidigung der nationalen Identität des Unternehmens. Doch dieses Mal stecken wohl eher wirtschaftliche Interessen dahinter.

DÜSSELDORF. Die Anteile der Investmentbank und des Versicherungskonzerns summieren sich mit dem Paket des Mailänder Reifenherstellers nun auf 23 Prozent der Anteile an dem Ex-Monopolisten. Genug, um es jedem Angreifer richtig schwer zu machen. Klingt kompliziert. Klingt antiquiert. Klingt macchiavellistisch. Italien eben.

De facto aber könnte sich hinter dem Schachzug das Ende der Italien AG klassischen Zuschnittes verbergen. Denn anders als allzu häufig in der Vergangenheit geht es bei der Aktion nicht um reine Machtfragen. Vielmehr spricht einiges dafür, dass tatsächliche wirtschaftliche Interessen im Zentrum stehen. Nämlich die Grundfragen: Wohin soll die Telecom Italia strategisch marschieren? Und: Wie kriegen wir den tief im Morast steckenden Karren wieder flott?

Denn die Lage des viertgrößten integrierten Telekom-Konzerns in Europa ist besorgniserregend. Im September kündigte der langjährige Chef von Pirelli und der Telecom Italia, Marco Tronchetti Provera, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen fundamentalen Umbau an. Das Unternehmen solle sich vom Infrastruktur-Anbieter zum Medienhaus wandeln. Zu diesem Zweck werde der Konzern in drei Teile aufgespalten und der Verkauf der Mobilfunksparte TIM erwogen.

Was danach folgte war das, was man gemeinhin einen „perfect storm“ nennt. Die Regierung protestierte vehement, Mitarbeiter demonstrierten wütend, selbst Analysten und Investoren schüttelten irritiert mit dem Kopf. Das konnte selbst ein Tronchetti, der sich dank seiner unternehmerischer Erfolge wie der Sanierung von Pirelli in den 90er Jahren den Status eines Kultmanagers erarbeitet hat, nicht durchstehen: Er trat zurück. Tronchetti bleibt aber weiterhin Chef von Pirelli und kontrolliert darüber wie bislang per Minderheitsbeteiligung den Koloss aus Rom.

Hier nun kommt der neue Aktionärspakt ins Spiel. Wahrscheinlicher als die Abschottung nach außen erscheint dessen Funktion die Kontrolle nach innen zu sein. Mediobanca und Generali muss es daran gelegen sein, dass die Telecom Italia nicht auf Abwege gerät. Die Zerlegung und anschließende Neupositionierung als „Content-Provider“ hätte große Risiken in sich getragen. Die als konservativ geltenden Institutionen wollen derlei wilden Plänen offensichtlich einen Riegel vorschieben. Denn alle strategischen Themen muss Tronchetti künftig innerhalb des Aktionärspaktes diskutieren und eventuell auch absegnen lassen. Das sind Handschellen für einen Manager, der es gewohnt ist, alleiniger Herr im Haus zu sein.

Mehr Kontrolle hat Tronchetti in jedem Fall verdient. Nach einem guten Start im den Jahren 2001 und 2002 ist der Konzern danach nur noch Schlangenlinien gefahren. Zahlreiche Richtungswechsel haben keine klare Linie mehr erkennen lassen. Anders als die BT Group aus England oder die spanische Telefonica hat Tronchetti immer alle Moden mitgemacht – Konsolidierung, Konvergenz, Inhaltehype – ohne sie aber in bare Münze umzusetzen. Die Verschuldung von 41 Milliarden Euro beträgt heute das 3,2-fache des Ebitda (Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen). Das ist im Vergleich zur Konkurrenz mies. Selbst die alles andere als ruhmreiche Deutsche Telekom kommt lediglich auf den Faktor zwei.

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