Inside: Tesco
Die britische Dampfwalze

Erfolg macht nicht unbedingt beliebt. Das hat Tesco längst gelernt. Auf dem britischen Heimatmarkt zieht der Handelsriese den Zorn vieler rechtschaffener Bürger auf sich. Für viele ist Tesco der Inbegriff eines rücksichtslosen Konsumgiganten. Doch unbeirrt von öffentlicher Kritik hat Tesco ein Marktsegment nach dem anderen aufgerollt – und strebt nach mehr.

LONDON. In der Öffentlichkeit nimmt der Konzern in etwa die Rolle ein wie Wal-Mart in den USA. Als Marktführer bietet man halt die größte Angriffsfläche. Doch unbeirrt von öffentlicher Kritik und wiederholten, bisher fruchtlosen Ermittlungen der Kartellbehörden hat Tesco ein Marktsegment nach dem anderen aufgerollt. Mit mehr als 31 Prozent ist Tescos Marktanteil im Lebensmittelhandel bald so groß wie der der beiden größten Konkurrenten Sainsbury und Asda, einer Wal-Mart-Tochter, zusammen. Seien es riesige Supermärkte am Stadtrand, sei es der kleine Laden um die Ecke – Tesco liegt überall vorn.

Doch das reicht Konzernchef John Leary nicht. Inzwischen hat er auch die Führungsposition im „Non-Food“, also außerhalb des Lebensmittelhandels, erobert, mit einem Sortiment, das von Kosmetika, CDs, Büchern und Kleidung in Bereiche wie Elektronik und Möbel hineinwächst. Auch im Online-Handel hat Tesco mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Pfund (1,5 Milliarden Euro) den Spitzenplatz erreicht. Nun greift der Konzern auch noch im Kataloghandel den Platzhirsch Argos an. Leahys jüngster Coup ist eine Attacke auf Microsoft: Als erster Handelskonzern bietet Tesco ein Softwarepaket für den Heimrechner zum Dumping-Preis unter eigener Marke an.

Während Tesco also auf dem Heimatmarkt in die Breite geht, bietet das Ausland noch viele Chancen für die Expansion im angestammten Lebensmittelhandel. Mehr als die Hälfte der Verkaufsfläche des Konzerns steht schon im Ausland, auch wenn der Heimatmarkt noch drei Viertel des Umsatzes einbringt. Vor allem auf den Wachstumsmärkten Osteuropa und Asien ist der Konzern präsent. Die Expansion in die USA folgt 2007, auch Indien ist bald dran. Mit einem Umsatz von mehr als 40 Milliarden Pfund, einem Reingewinn von mehr als zwei Milliarden und einem Börsenwert von über 30 Milliarden Pfund ist Tesco auch im Weltmaßstab zum Handelsriesen gewachsen. Anders als Wal-Mart haben sich die Briten allerdings klug aus dem wachstumsschwachen und hart umkämpften deutschen Markt herausgehalten.

Trotz der Größe wächst der Konzern immer noch schnell. Um 13 Prozent stieg der Umsatz im ersten Halbjahr. Um das Tempo halten zu können, wollen die Briten aus ihrem gewaltigen Immobilienvermögen durch Verkäufe fünf Milliarden Euro für Investitionen lockermachen. Doch das steigende Expansionstempo scheint die Anleger nicht zu beunruhigen: Sie wissen, dass Leahy keine riskanten Sprünge plant. Teure Übernahmen hat er sich bisher verkniffen. Und wenn die Briten in ein neues Marktsegment oder ein neues Land vorstoßen, dann tun sie das umsichtig. Die Startinvestitionen für die USA zum Beispiel belaufen sich auf 250 Millionen Pfund im Jahr. Das heißt: Wenn das Konzept beim US-Kunden ankommt, wird Tesco das Tempo steigern, wenn nicht, können sich die Briten ohne große Verluste zurückziehen. Den Frontalangriff auf Wal-Mart vermeiden sie, ebenso wie sie in Europa Carrefour und Metro aus dem Weg gehen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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