Insolvenz
Analysten besorgt über Finanzlage bei Tui

Unter Analysten wächst die Beunruhigung über die finanzielle Lage beim Reisekonzern Tui. Manch einer spricht den Namen Tui schon in einem Atemzug mit Arcandor aus, eine Insolvenz wird also nicht ausgeschlossen. Am Dienstag muss der Aufsichtsrat überlebenswichtige Entscheidungen treffen.

FRANKFURT. Tui drohe das Schicksal des insolventen Handelskonzerns Arcandor, warnt Hans-Peter Wodnick von der Bank Close Brothers Seydler. Bereits vor zwei Wochen hatten Stefan Schmitz, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg ähnlich argumentiert. „Der Tui verbleiben nur wenige Optionen, um die drohende Zahlungsunfähigkeit in 2010 abzuwenden“, formulierte er.

Damit dürfte klar sein: Wenn der Aufsichtsrat von Hapag- Lloyd heute entscheidet, ob die angeschlagene Container-Reederei eine Bürgschaft beantragen soll, fiebern auch die Aktionäre von Tui mit. Der Reisekonzern ist mit 44 Prozent der größte Anteilseigner der Hamburger und ist abhängig von einer Bewältigung der Schieflage bei Hapag.

Die drastischen Analysten-Äußerungen mögen überraschen. Schließlich hat Tui durch den Verkauf eines großen Teils der Anteile von Hapag-Lloyd an den Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne sowie ein Konsortium Hamburger Adressen, darunter auch die Hansestadt selbst, gerade erst seine Verschuldung deutlich reduziert. Ende des ersten Quartals wies die Bilanz zwar immer noch Finanzschulden von knapp fünf Mrd. Euro aus. Doch dem standen liquide Mittel in Höhe von 2,4 Mrd. Euro gegenüber. Damit betrugen die Nettofinanzschulden 2,6 Mrd. Euro, bei einem Eigenkapital in gleicher Höhe per se kein Problem.

Doch der Eindruck trügt. So liegen die liquiden Mittel zum Teil bei Tui Travel, die Holding hat mangels Beherrschungsvertrag keinen unmittelbaren Zugriff darauf. „Das ist das Porsche-VW-Problem“, sagt Schmitz von der LBBW. Er kalkuliert die wirklich verfügbaren Mittel auf rund 1,6 Mrd. Euro. Gleichzeitig hat die Holding kein eigentliches operatives Geschäft mehr, lebt also von den Dividenden und Zinszahlungen der Beteiligungen. Wenn diese ausbleiben sollten, etwa wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, geht es zwangsläufig an die Substanz.

Dennoch muss die Tui AG 2009 und 2010 Verbindlichkeiten ablösen. Dabei handelt es sich vor allem um Anleihen und Private Placements. Tui ist nicht über klassische Bankdarlehen finanziert. Noch in den verbleibenden Monaten 2009 sind etwa Bonds im Volumen von 400 Mio. Euro fällig. 2010 folgen Bonds über 550 Mio. Euro sowie Private Placements über 417 Mio. Euro.

Angesichts dieser Fälligeiten könnten die Finanzreserven schnell aufgebraucht sein, sollte keine Ersatzfinanzierung existieren. „Das ist alles sehr hart auf Kante genäht. Gelingt TUI bis 2010 keine Finanzierung, wird das eng“, sagt Schmitz von der LBBW. Eine Refinanzierung dürfte aber nicht nur wegen der aktuellen Finanzmarkt-Situation schwer werden. Auch die Tatsache, dass TUI kein eigenes operatives Geschäft mehr habe, erleichtere die Verhandlungen nicht. Sowohl Tui Travel als Hapag Lloyd könnten auch ohne Holding leben.

Tui wollte zu solchen Szenarien keine Stellung nehmen. Ein Sprecher verwies auf die Bekanntgabe der Quartalszahlen am Donnerstag. Aus dem Umfeld der Hannoveraner ist allerdings zu hören, dass man bereits an dem Thema Refinanzierung arbeitet. Wegen der Rückführung der Schulden seien die Chancen nicht schlecht. Außerdem gehe man nach wie vor davon aus, dass Hapag Lloyd die von Tui überwiesenen Darlehen wie vereinbart zurückzahle.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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