Insolvenz von Air Berlin

Das Ende der Schokoherzen

Sie besänftigten noch die zornigsten Air-Berlin-Kunden: die Lindt-Schokoherzen. Mit der Pleite der Airline dürften auch die Süßigkeiten verschwinden – und der Schweizer Chocolatier einen Marketing-Kanal verlieren.
Update: 16.08.2017 - 16:32 Uhr Kommentieren
Noch vom alten Zulieferer Rausch. Quelle: AFP
Schokoherzen von Air Berlin

Noch vom alten Zulieferer Rausch.

(Foto: AFP)

HamburgDie Insolvenz von Air Berlin trifft auch einen wichtigen Zulieferer der Fluggesellschaft: Lindt. Der Chocolatier liefert seit zwei Jahren die Schokoherzen, die Stewards am Ende fast jeden Flugs verteilen. Dabei ist die Partnerschaft mit dem Schweizer Schokoladenkonzern bereits aus der Krise geboren.

Das Schokoherz, das zum Markenzeichen von Air Berlin geworden ist, stammt eigentlich von der Deutschland-Tochter von British Airways, DBA. In den 1990er-Jahren wollten sich die Briten von der etablierten Konkurrenz als freundlichere Airline absetzen – und verteilten Schokoladentäfelchen. Daraus entstand mit einem neuen Marken-Auftritt das Herz. Geliefert wurde es von der Berliner Schokoladenmanufaktur Rausch.

Zum Erfolg trug bei, dass das Herz eben nicht aus irgendeiner Billig-Schokolade bestand. Zunächst kamen die Kakaobohnen von der indonesischen Hauptinsel Java, bis die dortige Plantage abbrannte. Rausch stellte auf Kakao von der melanesischen Inselgruppe um, der ähnlich schmeckt.

Die spektakulärsten Airline-Pleiten
2017: Air Berlin
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Mit Air Berlin hat die zweitgrößte Airline Deutschlands Insolvenz angemeldet. Die Pleite bahnte sich seit längerem an: Das Unternehmen mit rund 8.600 Beschäftigten schrieb seit Jahren Verluste und hielt sich hauptsächlich durch Finanzspritzen ihres Großaktionärs Etihad noch in der Luft. Am Freitag drehte die nationale Airline der Vereinigten Arabischen Emirate den Berlinern aber den Geldhahn zu. Mit dem Kredit von 150 Millionen Euro stellt nun der Bund den Flugbetrieb vorerst sicher.

Harter Wettbewerb
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Air Berlin ist kein Einzelfall. Die goldenen Zeiten der Luftfahrt sind seit der Liberalisierung des Marktes, die in den 1980er-Jahren einsetzte, vorbei. Seitdem regiert ein knallharter Wettbewerb die Lüfte. Auch die Branchenkrise nach den Anschlägen des 11. September 2001 und das Aufkommen der Billigflieger sorgen dafür, dass viele bekannte Airlines in die Pleite gerutscht sind.

1991: Pan American Airways
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Wie kein zweites Unternehmen stand „Pan Am“ für das glamouröse Jet-Zeitalter. 1927 flogen die ersten Postflugzeuge unter dem Namen zwischen Florida und Havanna. Schnell wurde das Unternehmen zu einer der größten US-Fluggesellschaften. Die Airline war eine der ersten, die Interkontinentalflüge anbot, und setzte zahlreiche Standards in der zivilen Luftfahrt. Das blau-weiße „meatball“-Logo von Pan American genießt bis heute Kultstatus.

1991: Pan American Airways
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In den 1980er-Jahren begann der Stern von Pan Am zu sinken. Durch die Deregulierung des US-Marktes kamen zahlreiche Konkurrenten auf. 1988 wurde über dem schottischen Lockerbie eine Maschine durch einen Terroranschlag zum Absturz gebracht, was das Vertrauen der Öffentlichkeit erschütterte. 1991 folgte die Übernahme durch Delta Air Lines.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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Auch TWA gehörte zu den Pionieren der Luftfahrt. Gegründet 1930 als „Transcontinental and Western Air“, machte der exzentrische Milliardär Howard Hughes („The Aviator“) das Unternehmen zur zeitweise größten Airline der Welt. Hinter Pan Am war TWA die inoffiziell zweite Flaggschiff-Gesellschaft der USA. 1985 kaufte der Investor Carl Icahn TWA.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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In den 1990er-Jahren musste TWA zwei Mal in kurzer Folge Gläubigerschutz beantragen. 1996 starben beim Absturz einer Boeing 747 über dem Atlantik 230 Menschen. Die stark geschrumpfte Airline kam 2001 wieder in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von Konkurrent American Airlines übernommen.

2001: SwissAir
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1931 gegründet galt die Airline wegen ihrer finanziellen Stabilität lange als „fliegende Bank“. Aufgrund der politischen Neutralität der Schweiz konnte SwissAir zahlreiche lukrative Ziele in Afrika und im Nahen Osten anfliegen.

Air Berlin übernahm das Herz, als die damals längst nicht mehr zu British Airways gehörige Fluglinie DBA im Jahr 2006 an die Berliner ging. Seitdem ist es rot statt grün – und ein wichtiger Bestandteil der Markenidentität des Lufthansa-Konkurrenten. Mancher Fluggast dürfte durch das kleine Präsent seine Sympathie für den ewigen Zweiten im deutschen Luftraum entdeckt haben.

Dennoch wechselte Air Berlin 2015 den Zulieferer. Im April 2015 lieferte Rausch die letzten Schokoherzen, danach kamen sie von Lindt. Kosten sollen dabei, so versicherte Air Berlin, nicht die Hauptrolle gespielt haben – obwohl bei 13 Millionen Herzen im Jahr einiges zusammen gekommen sein dürfte.

„Air Berlin-Kredit schafft Spielraum für Verhandlungen“

„Air Berlin-Kredit schafft Spielraum für Verhandlungen“

Mit Lindt vereinbarte Air Berlin eine breitere Marketing-Partnerschaft – fortan gab es in der Business-Klasse Lindor-Kugeln zum Kaffee, weitere Lindt-Produkte kamen in den Bord-Shop. Der Kakao-Anteil der Herzen sank allerdings leicht von 35 Prozent auf „mindestens 30 Prozent“, wie es hieß.

Schoko-Fabrikant Robert Rausch äußerte damals Verständnis: „Aufgrund der hohen Kosten von Edelkakao haben wir den Preis für unser Herzen zuletzt um einige Cents erhöhen müssen“, sagte er – und zu Air Berlin: „Die müssen auch sehen, wie sie mit ihren Geldern umgehen.“ Viel verdient habe das Unternehmen mit insgesamt 20 Millionen Euro Umsatz an dem Air-Berlin-Auftrag sowieso nicht. Größer dürfte der Werbe-Effekt sein.

Den verliert jetzt Lindt, das seine Herzen nach eigenen Angaben in Aachen – nahe dem Air-Berlin-Drehkreuz Düsseldorf – aus Schweizer Schokolade endverarbeitete. Auf Anfrage zu Air Berlin blieb das Unternehmen am Mittwoch wortkarg. Eine Sprecherin teilte lediglich mit: „Grundsätzlich behandelt Lindt & Sprüngli die Geschäftsbeziehungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vertraulich. Bitte haben Sie dafür Verständnis.“

Fluggäste müssten die Herzen jetzt direkt bei Lindt kaufen. Bei einem Internet-Anbieter gibt es beispielsweise 2,5 Kilogramm der Herzen – etwa 485 Stück – für 44,99 Euro. Bei dem Preis zeigte sich Air Berlin zuletzt knauserig: Auf den zuletzt eingeführten Langstreckenflügen gab es das Herz nur für die zahlungskräftigen Kunden der Business-Klasse.

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