Insolvenzgeschäft
Pleitefälle wandern nach London aus

Erst Telecolumbus, dann Rodenstock: Deutsche Sanierungsfälle gehen mit ihren Pleiten immer öfter nach Großbritannien. Nun fürchtet die Insolvenzbranche um ihr Geschäft.
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DüsseldorfHigh Court in London statt Amtsgericht Lübeck lautet der Trend und „Scheme of Arrangement“ statt Insolvenzordnung die Methode. Interessante Sanierungsfälle wandern nach Großbritannien aus. Zum zweiten Mal in diesem Jahr entschieden britische Richter statt deutsche Insolvenzverwalter über die Zukunft angeschlagener Firmen.

Erster Fall war die Kabelnetzfirma Telecolumbus, kurz darauf folgte der Brillenhersteller Rodenstock. Beide Firmen drohten unter der Last ihrer Schulden zusammenzubrechen, haben sich aber mit ihren Geldgebern geeinigt – bevor der Gang zum Insolvenzrichter nötig geworden wäre. Nicht nur das: Auch die Umwandlung von Schulden in Beteiligungen, der sogenannte Debt-Equity-Swap, und das Ausgrenzen lästiger Gläubiger halfen den Sanierern.

Für Rodenstock war London ein Glück. Ende 2010 meldete sich ein Hedge-Fonds, der die – unter 28 Gläubigern längst abgesprochene – Restrukturierung der 300 Millionen Euro Schulden offenbar torpedieren wollte. Solche Querulanten tauchen immer wieder auf. Sie übernehmen faule Firmenkredite von Banken und spekulieren darauf, dass ihnen andere Gläubiger ihren Lästigkeitswert teuer abkaufen. An der Sanierung des Unternehmens sind sie kaum interessiert.

Nach deutschem Recht ließe sich diesen Querulanten nur in der Insolvenz beikommen. Und das auch nur eingeschränkt. Nicht so beim „Scheme of Arrangement“: Hier reicht die Zustimmung der Hälfte der Gläubiger und von 75 Prozent des Forderungsvolumens für einen Umschuldungsplan – ohne Pleite.

Mit dem „Scheme of Arrangement“ (SoA) geht es eben einfacher. Sind die Kreditverträge eines Unternehmens nach britischem Recht abgefasst, steht einer Entscheidung vor dem Londoner Royal Court of Justice nichts im Wege. Viele Kreditverträge beruhen heutzutage auf britischen Gesetzen. Vor allem Unternehmen mit Finanzinvestoren als Eigentümer haben solche Verträge.

Der Fall Rodenstock: Das Unternehmen hat jetzt vier Jahre Zeit zur Rückzahlung, außerdem eine „pay if you can“-Klausel („Zahle, wenn Du kannst“) und einen Liquiditätskredit von 40 Millionen Euro ausgehandelt. Dafür übernehmen die Banken 49 Prozent der Anteile. Der Störer ist überstimmt.

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Querulanten lassen Sanierungskonzepte scheitern

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  • Übrigens, auch Reitter & Schefenacker, nunmehr in indischer Hand.

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