Internet: Warum das Web Tante Emma zurückbringt

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Warum das Web Tante Emma zurückbringt

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Tante Emma steht für den Traum vom Wohlfühl-Einkaufen in vertrautem Rahmen, für Vertrauen in den Geschäftspartner. Sie ist ein Gegenentwurf zur kalten, glitzernden, schreienden Konsumwelt des 21. Jahrhunderts. Oder wie die Berater von McKinsey 2007 in einer Studie schrieben: "Nach einem langen und anstrengenden Tag haben die meisten Konsumenten keine Lust mehr, sich durch ein unübersichtliches Warensortiment zu kämpfen. Nicht nur in kleinen Städten und Gemeinden, sondern auch in urbanen Zentren schätzen es die Leute, wenn der Einkauf zu einem angenehmen Erlebnis mit individuell zugeschnittenem Service wird und nicht nur eine lästige Pflichtübung ist."

Sehnsucht. Tante Emma würde nie mit Gitarren werfen. Und würde ihr doch mal eine kaputtgehen, sie würde sofort eine neue kaufen und inklusive einer Entschuldigung und einem Haufen Bonbons überreichen.

Gerade jene Generation, die jetzt Geld hat und konsumfreudig ist, wünscht sich die Tante zurück. Es sind jene Menschen zwischen Anfang 20 und Anfang 40, die aufgewachsen sind mit Werbung und PR. Anfangs fand jene Generation das auch sehr bunt, lustig und unterhaltsam. In den 80er-Jahren wurde aus Werbung Entertainment, die Zusammenstellung beim Werbefestival in Cannes preisgekrönter Spots füllte die Kinosäle.

Dann aber versuchte diese Generation aus ihrem Handy-Vertrag zu kommen und erfuhr, dass sich dieser automatisch verlängert habe - in zwei Jahren dürfe man noch einmal vorsprechen. Sie stellte fest, dass Papiertaschentücher zwar nicht teurer wurden - aber weniger Tücher in einer Packung steckten. Dass in Capri-Sonne nur noch 12 Prozent Saft sind. Ihre Bankberater schwatzten ihr zweifelhafte Produkte auf, und der Verleger ihrer Lieblingszeitschrift verkaufte ihre Adressen weiter.

Wer sich darüber aufregen wollte, konnte das bei Freunden - die Unternehmen selbst waren ja nicht ansprechbar. Sicher, es gab Hotlines: Doch dort erreichen Kunden nur mies bezahlte Telefonisten, die sie anhand eines vorgefertigten Gesprächsablaufplans möglichst schnell loszuwerden trachten.

Dann kam Ebay. Und Amazon. Und alles wurde anders. Bei Ebay bewerten nach einem Verkauf Käufer die Verkäufer und umgekehrt - Offenlegung von Dienstleistungsqualität als Fundament eines Marktes. Amazon lehrte jene Generation dagegen, an sich selbst zu glauben. "Kunden, die dieses Buch gekauft haben, kauften auch ..." öffnete eine neue Dimension: Da vertrauten Menschen anderen, Unbekannten, allein wegen deren Kaufentscheidungen. Der Mitmensch als Gradmesser, ein besserer Gradmesser gar als hauptberufliche Literaturkritiker.

Beide Dienste lehrten Verbraucher, anderen Verbrauchern zu vertrauen. Daran arbeitet seit Ende der 90er-Jahre auch das Fernsehen. "Nichts interessiert Menschen mehr als Menschen", lautet eine journalistische Uralt-Weisheit - nun wurde sie beherzigt bis zum Reality-Overkill. "Big Brother", "Deutschland sucht den Superstar", "Germany's Next Topmodel": Jedermann kann interessant sein und singen und gut aussehen. Und natürlich kluge Sachen sagen: Warum würden sonst selbst seriöse Nachrichtensendungen aus öffentlich-rechtlichen Häusern Sendeminute um Sendeminute mit Straßenumfragen füllen?

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  • Prima, prima.

    Erkenntniskräfte via WWW zu entfalten ist zwar oft mühevoll, aber von großem Nutzen.
    Hier ein beispiel:
    http://www.lebendefossilien.com


  • Einfach Geniale Darstellung.

    Sehr spannend und informativ der beitrag.
    Danke sehr!

    Mfg

  • Solche Artikel machen Mut,sind mit Herz und Verstand
    geschrieben.Weiter so !

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