Interview mit Celesio-Chef
„Für die deutschen Apotheker ist es fünf nach zwölf“

Fritz Oesterle, Chef des Pharmaunternehmens Celesio, erwartet eine baldige Öffnung des Apothekenmarkts – und mit ihr einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb. Im Handelsblatt-Interview sagt er, warum es zu einem Wildwest-Szenario, einer völlig unregulierten Liberalisierung, kommen werde.

Herr Oesterle, neben dem Pharmagroßhandel betreibt Celesio seit Jahren auch Apotheken im europäischen Ausland. Welches ist das aussichtsreichere Geschäftsfeld für ihren Konzern?

Der Großhandel ist ein reifer Markt, in dem sich aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht mehr viel tun kann. Wenn wir in den vorhandenen Märkten wachsen wollen, müssen wir also über zusätzliche Dienstleistungen nachdenken. Eine Möglichkeit dazu ist der Betrieb von Apotheken, ein Geschäftsfeld, in dem die Margen natürlich ungleich höher sind als im Großhandelsgeschäft.

In Deutschland sind Apothekenketten aber nicht zulässig.

Die korrektere Formulierung wäre, dass die rechtliche Situation noch nicht abschließend geklärt ist.

Inwiefern?

Seit der Europäische Gerichtshof vor zwei Jahren das Fremd- und Mehrbesitzverbot für griechische Optiker für unzulässig erklärte, sind auch die Gesetze, die die deutschen Apotheken schützen, juristisch hoch gefährdet.

Aber Optiker verkaufen keine Medikamente ...

Es gibt keinen Grund, weshalb ein angestellter Apotheker seinen Beruf nicht genauso pflichtbewusst ausüben sollte wie ein Apotheker, dem sein Geschäft gehört. Der Wortlaut der Optiker-Entscheidung kann deshalb eins zu eins auf den deutschen Apothekenmarkt übertragen werden. Deshalb hat es das Oberverwaltungsgericht des Saarlandes abgelehnt, dem niederländischen Pharmahändler DocMorris den Besitz einer Apotheke in Saarbrücken zu untersagen. Damit ist der Bann gebrochen. Ich gehe nicht davon aus, dass das Fremd- und Mehrbesitzverbot in einem Jahr noch in dieser Form steht.

Dann ist es fünf vor zwölf für die deutschen Apotheken?

Es ist bereits fünf nach zwölf. Statt dem Liberalisierungsbemühen offen zu begegnen und Brüssel etwas entgegenzukommen, üben sich die deutschen Apotheker-Funktionäre in einer Wagenburg-Mentalität. Andere Länder wie Frankreich und Italien sind nicht so stur und verhandeln. Sie werden dabei einen Teil ihrer Privilegien und damit den Wert ihrer Apotheken absichern. Wir lassen dagegen diese Frage durch die Gerichte klären – mit entsprechend weit reichenden Konsequenzen.

Das müsste Ihnen doch sehr entgegenkommen. Immerhin betreibt die deutsche Celesio-Tochter Gehe eine Vorform der Kette, der sich schon 3 000 Apotheker angeschlossen haben. Werden diese an Celesio verkaufen, wenn das Verbot fällt?

Das müssen Sie die Apotheker schon selbst fragen. Eine andere Frage ist aber, ob wir Apotheken überhaupt kaufen. Denn im Moment sieht es so aus, dass es zu einem Wildwest-Szenario, einer völlig unregulierten Liberalisierung, kommen wird.

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