Interview mit Jean-Claude Biver
„Revolutionen brauchen Zeit, bis sie erkannt werden“

Der Chef der Uhrensparte des Luxuskonzerns LVMH erklärt, wieso er ein Tabu seiner Branche bricht und warum er Apple dankbar ist.
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ZürichHerr Biver, Ihre neueste Uhr, die Defy Lab, hat keine Unruh, keine Spiralfeder. Sie verzichten also auf die Teile, die in jede tragbare mechanische Uhr ausmachen, seit Christiaan Huygens sie 1675 erfunden hat. Das ist doch ein Affront!
Aber nur, weil niemand vor uns darauf gekommen ist (lacht)! Die Menschen fühlen sich immer wohler mit der Vergangenheit, denn die kennen sie. Aber es lohnt sich, sich auf die Zukunft einzulassen. Und wir glauben, dass diese Zukunft unserem neuen Gangregler, dem Oszillator, gehört.

Der Gangregler besteht aus einem einzigen Stück Silizium. Aber wer sich eine Luxusuhr kauft, tut das doch gerade wegen der Mechanik, oder?
Unsere Defy Lab ersetzt ja auch keine klassische und traditionelle Kunstuhr, an der ein Uhrmacher drei Wochen lang gearbeitet hat. Sie ist immer noch eine mechanische Uhr, aber eben mit einer revolutionären Mechanik. Das Problem mit Revolutionen ist, dass sie immer eine gewisse Zeit brauchen, bis sie als solche erkannt werden.

Sie scheinen mir da recht zuversichtlich.
Und ob! Wir wollen den neuen Oszillator nicht nur für Zenith verwenden, sondern auch bei Hublot oder Tag Heuer, warum nicht. Und später wollen wir ihn auch anderen Marken anbieten.

Zenith galt im LVMH-Konzern als eine Marke in Schwierigkeiten.
Das ist passé. Dass wir unsere Neuentwicklung hier einsetzen, ist ein Zeichen: Zenith steht für die Zukunft der traditionellen Schweizer Uhrmacherkunst. Wir reden nicht vom Smartwatches, Quartz-Uhren oder irgendwelchen Erfindungen, sondern von der Zukunft der mechanischen Uhr. Mal ehrlich: Wenn Christiaan Huygens heute aus seinem Grab steigen würde, glauben Sie, er würde an seiner Erfindung festhalten? Niemals! Ich bin mir sicher, er wäre von unserem Oszillator begeistert.

Glauben Sie, dass Ihre Kunden das auch alle so sehen?
Das sehen wir dann. Die ersten zehn Exemplare sind ja schon verkauft. Aber das Schöne am schweizerischen Uhrenmarkt ist, dass Sie die freie Wahl haben. Das fängt bei der Swatch für 50 Franken an und reicht bis zur Hublot für fünf Millionen Franken. Und dazwischen bekommen Sie alles, was das Herz begehrt.

Trotzdem droht Ihre Branche doch ein Nachwuchsproblem. Wer braucht eine schicke Uhr, wenn er das iPhone X als Statussymbol haben kann?
Sie liegen falsch. Die jungen Leute begeistern sich heute wieder stärker für Uhren.

Wieso das?
Dank der Apple Watch! Junge Leute, die in ihrem ganzen Leben keine Uhr getragen haben, tragen dank Apple wieder eine am Handgelenk. Und es ist einfacher, jemandem eine Uhr zu verkaufen, der schon mal eine getragen hat, als jemanden, der gar keine hat. Eigentlich müssten wir Apple fast eine Vermittlungsgebühr bezahlen, dass sie uns helfen.

Sie werden am Mittwoch 68 Jahre alt und haben den größten Teil Ihres Lebens in der Uhrenbranche verbracht. Denken Sie denn nie ans Aufhören?
Nein, niemals! Ich will noch mindestens sieben Jahre weitermachen, wenn ich kann.

Andere Leute in ihrem Alter sitzen auf der Parkbank.
Ja, weil ihnen ihre Arbeit keine Freude macht. Ich dagegen liebe sie.

Herr Biver, wir danken für das Gespräch.

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