Interview mit Jean-Michel Six, Chefvolkswirt bei Standard & Poor's
„Deutschland ist in sehr starker Position“

Der Europa-Chefvolkswirt der Ratingagentur Standard & Poor's, Jean-Michel Six, über die Auswirkungen der US-Immobilienkrise auf die Unternehmen, warum er sich wenig Sorgen über die Wirtschaft macht und welche Rollen die Notenbanken jetzt spielen müssen.

Handelsblatt: Herr Six, die Krise am US-Hypothekenmarkt hat die Kreditmärkte weltweit durcheinandergewirbelt. Sind europäische Finanzinstitute in Gefahr?

Six: Nicht in der Breite. Bisher sind nur vereinzelte Institute in Deutschland, Großbritannien und Frankreich ernsthaft von Ausfällen betroffen. Die Banken sind ganz gut in der Lage, die Probleme zu bewältigen.

Was ist mit den zahlreichen Fondsschließungen?

Dabei handelt es sich vor allem um ein Liquiditätsproblem. Weil auf bestimmten Märkten für Kreditderivate kaum noch gehandelt wird, können Fonds, die diese komplexen Finanzprodukte halten, keine verlässlichen Preise mehr feststellen. Ich gehe davon aus, dass die Banken eine Lösung finden werden, die für die Investoren erträglich ist.

Sind auch produzierende Unternehmen von den Turbulenzen betroffen?

Davon kann man ausgehen. Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren davon profitiert, dass eine Welle von Fusionen und Übernahmen die Aktienkurse getrieben hat. Das hat ihnen die Finanzierung verbilligt und für niedrige Risikoaufschläge bei Firmenanleihen gesorgt. Diese Fusionswelle wird jetzt abebben, da Zinsen und Risikoaufschläge gestiegen sind. Außerdem unterscheiden die Investoren stärker nach der Kreditwürdigkeit. Für Firmen mit guten Ratings wird sich nicht allzu viel ändern, aber für die anderen dürfte die Finanzierung deutlich teurer werden.

Macht Ihnen das Sorge?

Nein, im Gegenteil. Es ist gut, dass sich die Kreditwürdigkeit der Unternehmen jetzt wieder in realistischer Weise in den Konditionen widerspiegelt. Vorher waren die Finanzierungsbedingungen für alle sehr gut, fast unabhängig vom Rating. Die Finanzlage der Firmen ist insgesamt sehr gut, und die Konjunktur erscheint robust. Daher sehe ich noch wenig Grund zur Sorge um die Wirtschaft.

Wird die Finanzierung nur teurer oder auch knapper?

Es ist eine Frage des Preises. Die Anleihemärkte sind immer noch hochliquide. Anlagekapital ist genug da.

Wird das auch so bleiben?

Da bin ich optimistisch. Die ergiebigsten Quellen der Liquidität fließen noch. Viele Zentralbanken, vor allem in Asien, sammeln weiter rapide Devisenreserven an. Diese wollen wieder investiert werden.

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