Jahreszahlen
Tui muss dringend sparen

Europas größter Touristikkonzern Tui kann von der weltweiten Erholung des Reisemarktes nicht profitieren. Finanzvorstand Rainer Feuerhake räumte am Mittwoch bei der Bilanz-Pressekonferenz ein, die Kapitalkosten des Konzerns seien auch im vergangenen Jahr nur über die florierende Schifffahrtssparte (Hapag Lloyd) verdient worden.

HANNOVER. Während der Umsatz 2005 im Vergleich zum Vorjahr um 8,7 Prozent auf 19,6 Mrd. Euro kletterte, fiel der Konzerngewinn um knapp 14 Prozent auf 495 Mill. Euro. „Die Ertragskraft im Tourismus wird und muss 2006 besser werden“, forderte Feuerhake. Bei 14,1 Mrd. Euro Umsatz wies die seit Jahren margenschwache Touristik ein Spartenergebnis von 360 Mill. Euro aus und rettete sich mit einem Anstieg von zwei Prozent nur knapp ins Plus. Mit einem Minus von knapp vier Prozent auf 16,80 Euro war das Tui-Papier am Mittwoch Hauptverlierer im Dax.

Konzernchef Michael Frenzel erklärte die Stagnation mit Unruhen in den französischen Vorstädten, die „erhebliche Einbußen im ertragsstarken Weihnachtsgeschäft“ gebracht hätten: Das Frankreich-Geschäft rutschte mit 40 Mill. Euro in die roten Zahlen. Nach einer Restrukturierung der touristischen Organisationen in Skandinavien (2003) und Großbritannien (2005) muss nun im Westen Europas saniert werden.

Die wichtigste Reisetochter Tui Deutschland, die mit knapp fünf Mrd. Euro etwa ein Drittel des Touristik-Umsatzes bringt, soll mit einem neuen Geschäftsmodell („Just-in-Time-Urlaub“) auf Vordermann gebracht werden. Frenzel will damit die klassische Pauschalreise modernisieren und den Angriff der schnell wachsenden Spezialreisen- und Online-Anbieter kontern. Um die Organisation schlanker aufzustellen, schloss der Tui-Vorstandschef Personalanpassungen im deutschen Markt nicht kategorisch aus. Er sehe nach aktuellem Stand „keinen Schwerpunkt beim Personal“, sagte Frenzel lediglich. Der wesentliche Treiber seien „Kürzungen bei Sachkosten und Maßnahmen zur Effizienzsteigerung“. Berater aus der Touristikbranche weisen auf akuten Handlungsbedarf hin: „Das Kundenverhalten hat sich in allen reifen Tourismusmärkten Europas drastisch verändert – zu Ungunsten der Reiseveranstalter“, heißt es in einer Studie von Mercer Management. Der Marktanteil des Pauschalurlaubs, der das Rückgrat des Tui-Geschäfts bildet, sei seit 2001 um neun auf 36 Prozent gefallen. Der wachsende Direktvertrieb von (Billig-)Fluggesellschaften und Hotelketten treffe die Veranstalter „mitten im Kern“, mahnt Mercer-Berater Dieter Schneiderbauer.

Tui-Rivale Thomas Cook rückt angesichts dieser Umwälzungen vom bisherigen Geschäftsmodell ab. Der neue Vorstandschef Thomas Holtrop hat bereits den „schrittweisen Abschied vom Ideal des integrierten Reisekonzerns“ angekündigt und den Verkauf von Kapital bindenden Wirtschaftsgütern wie Flugzeugen oder Hotelbeteiligungen in Aussicht gestellt. Das Modell mit konzerneigenen Veranstaltern, Fluglinien und Hotelbetten sei „kein Glaubenssatz“, sagte am Mittwoch auch Frenzel. So lange Tui aber in der Lage sei, mit dieser Strategie Geld zu verdienen, „so lange werden wir integriert fliegen“.

Mit sieben Fluggesellschaften (u.a. Hapagfly, Thomsonfly, HLX) und mehr als 100 Jets betreibt der Konzern die größte Urlaubsflotte Europas. 2005 wurde mit Ex-Sabena-Chef Christoph Müller ein neuer Bereichsvorstand etabliert, der eine neue Luftfahrt-Strategie für Tui entwerfen soll. Im deutschen Markt steht insbesondere Hapagfly (früher Hapag-Lloyd Flug) unter Druck, die Kostenstruktur in die Nähe der Billig-Tochter HLX zu bringen.

Details, wie die Kosten im Heimatmarkt auf ein konkurrenzfähiges Niveau gekappt werden sollen, blieb Frenzel am Mittwoch schuldig. An seinem Ziel, den Gewinn (Ebit) der Reisesparte bis 2008 auf 700 Mill. Euro zu steigern, hält er aber fest. Analysten bewerten die Fernprognose als sehr ambitioniert: „Die Frage bleibt, ob Tui die Kosten im Griff hat“, sagte Hartmut Moers von Sal. Oppenheim. Auch Christian Obst von der Hypo-Vereinsbank geht von geringeren Ertragszuwächsen aus und verweist in einer Studie auf „starken Wettbewerbsdruck“ und „minimale Preisspielräume“. Im laufenden Jahr hat die Thomas-Cook-Hauptmarke Neckermann Tui Marktanteile über aggressive Preismaßnahmen abgejagt.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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