Jüdische Geschäfte in Deutschland
Kiosk mit Polizeischutz

Nach den Anschlägen auf einen Supermarkt in Paris warnen auch Vertreter der Juden in Deutschland vor einer wachsenden Bedrohung durch Antisemitismus. Wie steht es um jüdische Geschäfte in Deutschland? Eine Spurensuche.
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Schon wieder kommt die Polizei vorbei. Der Streifenwagen hält vor dem Eingangstor, während Yakov Israilov gerade über den Innenhof schlendert und telefoniert. „Matzen bekomme ich wieder nach Purim – Polnische Art, ja. – Ok, kein Problem.“ Israilov legt auf. Er bemerkt den Wagen der Polizisten, hebt die Hand und zeigt mit dem Daumen: „Ok, alles in Ordnung.“ Dazu ein freundliches Lächeln. Alle 20 Minuten läuft das so. Jeden Tag. Alle 20 Minuten kontrolliert die Polizei, ob er in Gefahr ist und vielleicht Hilfe braucht.

Israilov hat einen koscheren Supermarkt mitten in Düsseldorf, im Hinterhof des Gemeindehauses der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Seit einigen Monaten kommt die Polizei dort häufiger vorbei, sagt der 45-Jährige. Auch nachts stehe inzwischen permanent eine Polizeistreife vor der Anlage, zusätzlich zum eigenen Wachdienst.

Seit dem Attentat auf einen jüdischen Supermarkt in Paris, bei dem ein französischer islamistischer Terrorist vier Geiseln tötete, ist auch hierzulande die Angst gestiegen. Erst vor wenigen Wochen warnte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, vor dem Tragen der Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, in überwiegend von Muslimen bewohnten Vierteln einiger Städte. „Diese Ängste sind berechtigt“, sagte Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, gegenüber der „Berliner Zeitung“. Er zeigte Verständnis für die Sorgen von Juden in Deutschland.

Zwar werden die offiziellen Zahlen der Bundesregierung erst Ende April veröffentlicht, doch die Amadeu-Antonio-Stiftung gegen Rechtsextremismus erklärt schon jetzt, dass im vergangenen Jahr mehr antisemitische Straftaten als noch 2013 verübt worden sind. Deutschland habe es „mit einer neuen Qualität des Antisemitismus zu tun“, sagt Zentralratspräsident Schuster.

Dass die Polizei mehrmals täglich vorbeischaut, ist bei Synagogen, jüdischen Schulen und Gemeindehäusern bereits seit Jahrzehnten üblich. Für koschere Supermärkte gilt das nicht unbedingt. In Berlin etwa gibt es kaum ein jüdisches Geschäft, das unter Polizeischutz steht. Eine Ladeninhaberin, die ihren Namen nicht öffentlich nennen möchte, bestätigte, dass es in ihrem Laden ruhig sei. Trotzdem glaubt sie, dass der Terror nicht in Paris bleiben werde. „Ich fühle mich nicht sicher, auch Polizeikontrollen würden da nichts ändern.“ Nur in den Achtzigerjahren sei ihr Laden einmal für ein paar Wochen von der Polizei bewacht worden, da sie Drohungen bekommen habe.

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