Juristen mit Soft-Skills
Nicht nur Noten entscheiden

Kanzleien suchen verstärkt Juristen mit BWL-Kenntnissen und "weichen Fähigkeiten". Das haben auch Bildungsanstalten gemerkt und richten sich auf die Bedürfnisse der künftigen Arbeitgeber ein. Und auch die Kanzleien selber packen mit an, wenn es um die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter geht.
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DÜSSELDORF. Alle Seminare ausgebucht - diese eindrucksvolle Bilanz kann das Center for Transnational Law, kurz Central, der Universität Köln über sein Weiterbildungsangebot ziehen. Mit rund 40 Kursen und über 600 Teilnehmern pro Jahr stößt die Einrichtung für angehende Juristen an ihre Grenzen. "Die Nachfrage ist deutlich höher, doch durch die Interaktivität des Unterrichts mit kleinen Gruppen ist unsere Kapazität einfach begrenzt", sagt Direktor Klaus Peter Berger.

Central veranstaltet keine Massenvorlesungen zu Paragrafen und Gesetzen, sondern Seminare und Workshops mit individueller, persönlicher Rückmeldung zu den sogenannten weichen Faktoren: "Rhetorik für Juristen", "Effektives Verhandeln" oder "Interkulturelle Kompetenz" stehen zum Beispiel auf dem Programm. Sie alle sind sehr begehrt.

"Den Studenten ist heute bewusst, dass es ihnen an solchen praktischen Kenntnissen in ihrem Wissensschatz mangelt", sagt Berger. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Befragung von Jura-Absolventen auf der Fach-Jobmesse Juracon. Danach haben 85 Prozent Weiterbildungsbedarf. Nur wenige junge Juristen glauben, nach dem Studium fit für die Arbeitswelt zu sein. So sind sie bereit, Hunderte Kilometer für ein spezielles Soft-Skills-Seminar zu reisen - wenn sie denn einen Platz ergattern.

Noch immer herrscht die Meinung vor, dass nur allein die Ergebnisse der beiden Abschlüsse im Einstellungsprozess zählen. Viele der Rechtsanwaltskanzleien greifen immer noch auf gewohnte, jahrzehntealte Strategien zurück, um aus der Masse an Bewerbern eine Vorauswahl zu treffen. "Wichtigstes erstes Auswahlkriterium für alle Tätigkeitsfelder sind und bleiben die Noten der beiden Staatsexamen", sagt Daniel Schollmeyer, Geschäftsführer der auf die Vermittlung von Juristen spezialisierten Personalberatung Schollmeyer und Steidl. Jeweils neun Punkte, also ein "voll befriedigend" als Note zu erzielen, ist die entscheidende Hürde, die Jura-Studenten aber nur schwer überwinden. Wer es schafft, gehört zu den besten zehn Prozent der Absolventen und ist für so gut wie alle namhaften Arbeitgeber der Branche interessant. Wer daran scheitert, hat schlechte Chancen - so die meist offiziell verbreitete Version.

Doch die großen Kanzleien haben mittlerweile erkannt, dass gutes Fachwissen nicht alles ist. Für den Erfolg bei Mandanten und vor Gericht sind die Soft Skills der Mitarbeiter oft genauso entscheidend. Eine nicht ganz so herausragende Hochschulleistung lässt sich daher immer öfter durch Kompetenzen in anderen Bereichen ausgleichen.

"Es ist nicht nur die Mathematik der Noten. Bei denen, die uns im Referendariat durch Ausstrahlung und Begeisterung überzeugen, spielt das Ergebnis des zweiten Staatsexamen weniger eine Rolle", sagt Viola Sailer-Coceani, Partnerin bei Hengeler Mueller, eine der größten deutschen Anwaltskanzleien. Wer sich zum Beispiel aufgrund erster praktischer Erfahrungen oder einer Weiterbildung souverän im Umgang mit Kollegen zeigen kann, hat gute Chancen. Denn diesen potenziellen Mitarbeitern trauen die Partner der Kanzlei dann auch zu, später gegenüber dem Kunden Kompetenz auszustrahlen und damit Mandate zu holen.

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  • Es ist zu wundern, dass die Juristen gern nach Auswaertigem Amt gehen, wenn man denkt, dass internationale Angelegenheiten eher durch Gewalt zu loesen ist, Stichwort irakkrieg.

    Der beruf als Diplomat ist fein, aber ist produktiv. Die Diplomaten duerfen nicht reich sein.

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