Kaiser's Tengelmann
Sigmar Gabriel lässt sich von den Beschäftigten feiern

Sigmar Gabriel boxte seine Ministererlaubnis bei der Kaiser's-Tengelmann-Übernahme durch. Das soll sich jetzt auszahlen: Der SPD-Chef schaut bei der Weihnachtsfeier des Betriebsrates vorbei – und lässt sich feiern.
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BerlinVolker Bohne macht eine Ansage. „Wenn er aussteigt, wird geklatscht.“ Gleich kommt Sigmar Gabriel. Bohne, schulterlange graue Haare, schwarze Lederjoppe, Berliner Schnauze, ist Betriebsratschef von Kaiser's Tengelmann in der Hauptstadt. Er steht mit zwei Dutzend Mitarbeitern auf dem Parkplatz vor dem Zentrallager der Supermarktkette, die jetzt von Edeka und Rewe übernommen wird. Für fast 15.000 Beschäftigte heißt das, ihre Jobs sind zumindest für die nächsten fünf Jahre sicher.

Dann ist der Wirtschaftsminister da. Die Lagerarbeiter und Kassiererinnen klatschen. Bohne hat geliefert. „Ende gut, alles gut“, sagt Gabriel zufrieden. Eine Kaiser's-Mitarbeiterin weint. Zwei Jahre Job-Unsicherheit zehren an den Nerven. Gabriel nimmt sie in den Arm, streichelt ihr über die Wange.

Hinter ihm stehen zwei Gabelstapler, die ein Transparent halten: „Danke Sigmar Gabriel“. Großes Kino am Berliner Stadtrand für den Sozialdemokraten, der seit Monaten zaudert, ob er 2017 als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel antritt. Nicht nur Gabriel, die ganze SPD zerbricht sich gerade den Kopf, ob nicht Martin Schulz vielleicht doch die bessere Wahl wäre. Im neuen ARD-Deutschlandtrend ist Schulz so beliebt wie Merkel und liegt in der K-Frage im direkten Duell mit Gabriel klar vorne.

Der Goslarer blendet das in der Kaiser's-Kantine, wo Weihnachtsmusik vom Band läuft und Discolicht blinkt, aus. Gabriel schnappt sich einen Stuhl, setzt sich an einen der Tische, plaudert los. Der Kaiser's-Manager Tobias Tuchlenski, der in der Hauptstadt die Geschicke von fast 150 Filialen lenkt, nimmt sich das Mikro. Nur dank Gabriel, der hohes Risiko mit der Ministererlaubnis gegangen sei, könnten die Beschäftigten mit einem besseren Gefühl Weihnachten feiern, sagt er.

Eine schöne Vorlage für den Genossen. „Ich habe überhaupt kein Risiko gehabt. Das Risiko war die ganze Zeit bei Ihnen“, antwortet er. Wäre die Übernahme durch Edeka und Rewe geplatzt, hätten 5000 bis 8000 Leute ihren Job verloren. „Ich hätte noch zehn Artikel mehr bekommen, er ist ein Idiot. Aber ich hab ja schon 20“, frotzelt Gabriel über sein Image und kehrt den Klassenkämpfer heraus. Die Professoren und Juristen, die viel mehr verdienten als jeder Kaiser's-Beschäftigte, hätten die Übernahme madig gemacht. Jetzt seien sie still.

Er habe bei dem zweijährigen Poker immer an die Schlecker-Frauen denken müssen: „Das musst Du anders machen.“ Sein Vorgänger, der frühere FDP-Chef Philipp Rösler, hatte sich damals bei der Schlecker-Insolvenz herausgehalten, kalt von der „Anschlussverwendung“ für arbeitslose Schlecker-Frauen gesprochen. Nun steht der Wahlkampf vor der Tür - da sind 15 000 gerettete Jobs für einen SPD-Chef eine harte Währung. Alle Bundestagsparteien seien für die Ministererlaubnis gewesen - außer den Grünen, erklärt Gabriel.

Am Ende habe er an der Rettung selbst ein bisschen gezweifelt, gibt er zu und dankt Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub für dessen Geduld: „Ich hatte Angst, der geht mir abhanden.“ Nach einer Stunde muss der Vizekanzler los. Betriebsratschef Bohne verabschiedet sich: „Jetzt müssen wir aber bald mal zusammen Einkaufen gehen“, sagt Gabriel. Das hat er Bohne versprochen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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