Kaiser’s Tengelmann vor der Zerschlagung „Die Mitarbeiter fühlen sich verraten“

Das Drama um Kaiser’s Tengelmann geht weiter: Rewe-Chef Caparros bringt einen Vermittler ins Spiel. Unterdessen gibt Tengelmann-Eigentümer Haub Details zur Aufspaltung preis. Was Betriebsratschef Schick erwartet.
Update: 14.10.2016 - 16:23 Uhr 10 Kommentare

Kehrtwende: Zerschlagung der Supermarktkette unausweichlich?

Kehrtwende: Zerschlagung der Supermarktkette unausweichlich?

Mülheim/DüsseldorfRewe-Chef Alain Caparros hat einen neuen Anlauf gestartet, um den Streit um die Übernahme der angeschlagenen Supermarktkette Kaiser's Tengelmann beizulegen. „Wir sind zu einem letzten Versuch einer Einigung bereit“, sagte Caparros am Freitag.

An einer solchen Verhandlungsrunde könnten Verhandlungsteams der beteiligten Parteien teilnehmen, diese gebe es bereits. Zudem solle es einen neutralen Vermittler geben: „Es muss ein Mediator dabei sein, der Kompetenz sowie Autorität hat und neutral ist“, forderte Caparros. „Das könnte zum Beispiel Bundeswirtschaftsminister Gabriel sein.“ Es könne aber auch eine andere Person die Rolle des Vermittlers übernehmen. „Dann könnten wir einen letzten Einigungsversuch unternehmen“, sagte Caparros.

Unterdessen teilt eine Tengelmann-Sprecherin Details über eine mögliche Zerschlagung der Supermarktkette mit. Nach den gescheiterten Vermittlungsgesprächen soll diese rasch anlaufen. Die Liste der zunächst zur „Verwertung“ anstehenden Filialen werde voraussichtlich in der kommenden Woche an die Interessenten verschickt, damit diese ihre Gebote vorlegen könnten, erklärte die Sprecherin.

Noch bleibe jedoch Zeit für Rewe, Norma und Markant, ihre Beschwerde gegen die geplante Übernahme von Tengelmann durch Edeka beim Oberlandesgericht Düsseldorf zurückzunehmen, sagte sie. Ein von Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub angesprochenes Zeitfenster dazu bleibe bis zur Auflösung des Vertrags über eine Übernahme durch Edeka bestehen. Zur Frage, wie lange ein solcher Schritt in Anspruch nehmen könnte, wollte die Sprecherin keine Stellung nehmen.

Zuvor hatte Tengelmann-Eigentümer Haub einer erneuerten und erweiterten Übernahmeofferte von Rewe-Chef Caparros eine Absage erteilt. Letztgenannter wollte die angeschlagene Supermarktkette Kaiser's Tengelmann als Ganzes übernehmen – samt der Verwaltung, der Logistik, der Läger und den Fleischwerke. Dabei wolle er alle Arbeitsplätze erhalten und die Konditionen, die Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vorgegeben hatte, erfüllen.

Rewe hätte ab sofort alle Verluste der Kette auf sich nehmen wollen – obwohl das Bundeskartellamt erst langwierig prüfen würde. Schließlich war es die Bonner Behörde, die den Verkauf zunächst gestoppt hatte.

Rewe ist zwar kleiner als Edeka, aber als Marktzweiter immer noch eine Macht. Laut aktuellen Studien gäbe es auch bei dem Kölner Händler Kartellprobleme – vor allem in NRW.

Und auf diesen Punkt wies auch eine Tengelmann-Sprecherin am Freitag hin: „Das Angebot ist unseriös wie alle bisherigen Angebote von Rewe.“ Die Offerte lasse sich nicht umsetzen: „Auch Rewe kommt nicht am Kartellamt vorbei“, betonte sie. Für Tengelmann brächte eine Transaktion keine rechtliche Sicherheit.

Das Ende eines deutschen Wirtschaftswunders
Wo alles begann
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1880 tritt Josef Kaiser in das elterliche Kolonialwarengeschäft in Viersen ein. Gekauft und verkauft wird, was für den Lebensunterhalt notwendig ist: Salz, Zucker, Mehl und Grieß. Kaffee wird nur von gut betuchten Kunden gekauft, die ihn zu Hause selbst rösten.

Frisch gerösteter Kaffee
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1882 bietet Josef Kaiser seinen Kunden den ersten selbst gerösteten Kaffee an. Die Vorteile: Das Aroma ist besser und er ist in unterschiedlichen Mischungen und Qualitäten erhältlich. Geröstet wird der erste Kaffee in einer Röstpfanne auf einem gusseisernen Herd im eigenen Geschäft. Schon bald reicht das nicht mehr aus. Die Industrialisierung bringt Wohlstand. Der Kaffeekonsum in Deutschland steigt.

Geschwindigkeitspionier
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Josef Kaiser baut ein Filialnetz auf. 1889 besitzt Kaiser´s bereits 253 Niederlassungen. Schwerpunkt: das aufstrebende Ruhrgebiet, das Rheinland sowie Südwestdeutschland. Um die Belieferung aller Filialen zu gewährleisten, setzt Kaiser´s als eines der ersten deutschen Unternehmen „schnelle“ Lastautos ein. Deren Spitzengeschwindigkeit beträgt zwölf Stundenkilometer. Eine Kutsche braucht doppelt so lange.

Der Patron
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1899 wird Josef Kaiser Hauptgesellschafter und Geschäftsführer der Kaiser´s Kaffee-Geschäft GmbH. Ab sofort bestimmt er die zukünftige Entwicklung seines eigenen Unternehmens. Die Marschrichtung ist klar: weiteres Wachstum. 1910 ist Kaiser´s das größte Kaffeegeschäft Deutschlands und besitzt 1.250 Filialen – mehr als seine beiden größten Konkurrenten Buchthals Kaffeemagazin, Dortmund (500 Filialen) und Emil Tengelmann, Mühlheim/R. (400 Filialen) zusammen.

Die lachende Kaffeekanne
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Josef Kaiser hat die Idee eine Kaffeekanne als Firmenlogo einzusetzen. Paul Böhm modifiziert sie 1904 zur lachenden Kaffeekanne. Sie wird zum Markenzeichen aller Kaiser´s Filialen. 1914 entwickelt Prof. Peter Behrens (Mitglied des deutschen Werkbundes) die heutige Form der lachenden Kaffeekanne.

Belegschaft der Schokoladenfabrik und Bäckerei in Viersen
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1912 stehen 3.810 Mitarbeiter bei Kaiser´s in Lohn und Brot. Für die macht Josef Kaiser viel: Es existieren eine Betriebs- und Unterstützungskrankenkasse, sowie eine Altersvorsorge- und Geschäftssparkasse. 1910 gründet Kaiser´s die Julie-Kaiser-Stiftung für Wöchnerinnen.

Erster Weltkrieg
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Im Krieg verliert das Unternehmen rund 200 Filialen. Andere werden stark zerstört.

Die Tengelmann-Sprecherin warf Rewe indes vor, bei den Verhandlungen zur Rettung von Kaiser's Tengelmann versucht zu haben, an Datenmaterial der Kette zu gelangen, um Informationen für eine Übernahme einzelner Teile zu sammeln. Rewe hatte die Kritik zurückgewiesen. Tengelmann appelliere zudem an Rewe, Markant und Norma, ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen und die Klagen gegen die Ministererlaubnis für eine Übernahme von Kaiser's Tengelmann durch Edeka zurückzuziehen. Nur so ließen sich die Arbeitsplätze bei der defizitären Kette erhalten.

Während die Zerschlagung einer der traditionsreichsten deutschen Supermarktketten nun doch besiegelt scheint, gibt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den Kampf um ein Fortbestehen von Kaiser's Tengelmann noch nicht verloren. Nach „Tagesspiegel“-Informationen aus Verdi-Kreisen will Gabriel am Freitag alle Beteiligten eindringlich bitten, einen erneuten Einigungsversuch zu unternehmen. Das sei mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) abgesprochen.

Auch die Betriebsräte hoffen noch auf eine Einigung. So wie der Betriebsratschef der Region Bayern, Manfred Schick im Interview.

„Die Geschäftsführung trägt eine gehörige Mitschuld“
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10 Kommentare zu "Kaiser’s Tengelmann vor der Zerschlagung: „Die Mitarbeiter fühlen sich verraten“"

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  • Auf die Idee, dass eine Pleite und Verwertung einer Firma völlig normal ist, kommen sie offenbar nicht mehr. Das nennt sich Marktwirtschaft.

  • Der Dank für die Steuersenkungen im Jahr 2000 waren dann Agenda 2010, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Leiharbeitsboom bei befristeter Beschäftigung und Aushöhlung der Tarifverträge. Dazu jahrelange Reallohnstagnation und Reallohnverluste vor allem für die mittleren und unteren Einkommensbezieher.
    Hinzu kamen Rentenkürzungen, Kürzungen im Gesundheitssystem inkl. Zuzahlungen und die Hartz IV Gesetzgebung, die Menschen komplett dem sozialen Abstieg und der gesellschaftlichen Ausgrenzung preisgab. Ich sage es Ihnen offen und ehrlich, ich hasse miuttlerweile diesen Staat und ich hasse die Medien, die diesen Politikern und seiner Lobbyistenbagage seit jahren nach dem Mund schrieben und weiter schreiben. Diese ganzen Wirtschaftsexperten und Chefökonomen, die noch niemals in einer prekären Lebenssituation waren, aber immer genau wissen, was man den Menschen, die in solchen schwierigen Lebensumständen leben, noch so alles zumuten kann. Die jetzigen Probleme sind nur eine Entwicklung der jahrelangen politiischen Fehlentscheidungen, die sich jetzt Bann brechen. Zurecht, wenn man sich die Entwicklungen der Vergangenheit ansieht.

  • @Trautmann
    aus meiner Sicht sind es 2 Probleme die hier dazu beitragen:
    1. Kapitallose aktivisten sitzen am Steuer.
    Diese Schmarotzer haben selbst nie eine Leistung erbracht und denken sie sind die Kings. Ich bin davon überzeugt dass nur ein geringer Teil dieser Arbeitnehmer qualifiziert ist. Das Wohlwollen der Gesamtheit im Blick haben. hinzu kommt der unglaubliche Usus dass diese Leute nicht Haften müssen für den Dreck den sie verbrechen. Aus diesem Grund aggieren sie wie sie es tun. Verlierer die aufgrund ihrer Bildung denken sie seien jemand. Aber Unternehmer kann man nicht erlernen.
    2. Zinseszins. Das Kapital ist die zweite Ursache und dessen Verzinsung.

  • "Wohlstand für ALLE" ist eine alberne Illusion, von der Sie sich schnellstens verabschieden sollten. Wer mit solchen Traumvorstellungen durch die Welt läuft, kann ja nur enttäuscht werden.

    Diese „alberne Illusion“, wie Sie es ausdrücken, stammt nicht von mir, sondern wurde uns von Politikern wie Kohl und Waigel vor der D-Mark Aufgabe und Euroeinführung versprochen! Lesen Sie mal bei spon.de in deren Onlinearchiv ab 1997 nach, was die damals politisch Verantwortlichen und die Wirtschaftslobby den Menschen versprach und was davon heute im Jahr 2016 übrig blieb. Wer dann nicht jegliches Vertrauen und jegliche Glaubwürdigkeit in Politik und Wirtschaft verliert, dem ist nicht mehr zu helfen oder er/sie ist ein weiterer Systemprofiteur. Erinnern Sie sich bitte an das Jahr 2000. Damals gab es in Deustchland eine große Steuerreform, die den Mittelstand und die Unternehmen, sowie Besser- und Bestverdiener um 25 Milliarden D-Mark entlastete. Sie erinnern sich, Ex-Finanzminister Eichel und der Boss der Bosse und Gasprom und Ex-BK- Schröder, zeichneten ebenso wie für die Agenda 2010 verantwortlich!

  • @Trautmann:
    "Wohlstand für ALLE" ist eine alberne Illusion, von der Sie sich schnellstens verabschieden sollten. Wer mit solchen Traumvorstellungen durch die Welt läuft, kann ja nur enttäuscht werden.

    Sozialismus war schon, wenn der Kapitalismus scheitert, bin ich ja mal gespannt auf das neue wundervolle System, dass alle Menschen glücklich machen soll. Leider steht da halt noch der 3. Weltkrieg davor.

  •  Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.http://www.handelsblatt.com/netiquette

  •  Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Menschen sind nur noch Kennzahlen und Humankapital, das man hin und herschiebt, einstellt oder wegrationalisiert, eben wie es die Excelcharts von McKinsey & Co. dem Management vorgeben.
    Menschen sind zweitrangig, nur noch die Zahlen und Renditen zählen.
    Ich hoffe so sehr darauf, dass endlich die breite Masse derjenigen, die es im Grunde durch Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit immer wieder trifft, endlich auf die Barrikaden gehen. Gegen die Abzocker und gegen die Systemprofiteure, die sich in den letzten 20 Jahren auf Kosten und zum Schaden der Allgemeinheit eine goldene Nase verdient haben. Wehrt euch und leistet Widerstand, anstatt weiterhin alles zu schlucken, was man euch vorsetzt. Die Zeit ist reif für eine massive Gegenbewegung.

  • @Hofmann:
    Wer soll es denn Ihrer Meinung nach besser machen? Haben Sie eine Wahlempfehlung für 2017

  • Was regt ihr euch so auf...diese Zerschlagung von Tengelmann ist nichts im Gegensatz der Vernichtung der Deutschen Wirtschaft/Industrie, die durch die CO2 freie Gesellschaftspolitik der Merkel, über Deutschland hinwegfegen wird.
    Nach dem Baueropfer der Kernkraftvernichtung und der Konzerne von EON, RWE, ENBW sind in Zukunft die Autobauer dran. Die Stahl- und Zementindustrie ist eh schon auf den Grün-Sozialistischen Abstellgleis gelandet.
    Eine CO2 freie Gesellschaft bedeutet zwangsläufig den Wohlstandsverlust un damit den Verlust unseres modernen Leben in Deutschland.
    Mangel und Armut kehren mit dieser Grün-Sozialistischen CO2 freien Politik nach Deutschland zurück. Und das mit immer größeren Schritten.
    Arbeitslosigkeit und die Vernichtung der Industrie/Wirtschaft ist das Ziel dieser CO2 freien Gesellschaftspolitik!

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