Kassel-Calden
„Der Winter ist kein Ponyhof für den Regionalflughafen“

Am Flughafen Kassel-Calden gibt es kaum Starts und Landungen großer Flieger. Die Lufthansa kommt nur zu Übungszwecken, im Terminal herrscht gähnende Leere. Flughafen-Chefin Muller verspricht keine schnelle Besserung.
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KasselIn der Ferne ist über den tiefhängenden Wolken ein kleines Flugzeug im Anflug. Langsam landet eine weitere Maschine auf dem Flughafen Kassel-Calden. Doch die Propellermaschine biegt nach dem Aufsetzen nicht Richtung Terminal ab, sondern fährt zum Privatbereich des neuen Airports. Genau das ist das Problem: Flugverkehr gibt es auf dem umstrittenen Flughafen reichlich, nur eben keine großen Ferienflieger.

Vor wenigen Tagen wurde zwar bekannt, dass die Lufthansa Kassel-Calden genutzt hat. Aber nicht, um Passagiere aufzunehmen: Die Landungen dienten nur der Ausbildung von zwei Flugschülern. „Wenn der Flughafen schon da ist, dann darf man ihn auch nutzen“, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft, die oft gegen den Regional-Airport gewettert hatte.

Die Identifikation der Menschen in Nordhessen mit dem Flughafen ist dennoch immens groß, trotz - oder gerade wegen - der anhaltenden Kritik. „Immer wird nur geschrieben, hier ist nichts los. Die Berichterstattung ist sehr einseitig. Da kommt es mir hoch“, sagt Brigitte Koban, die am Flughafen im Reisebüro arbeitet. „Die Lage ist grausam, das wissen wir. Aber das Objekt ist da, hier arbeiten Menschen und alle geben sich Mühe“, betont die Kasselerin. Zudem habe sich der Flughafen als Ausflugsziel etabliert. „Sonntags ist es hier richtig voll“, berichtet Koban.

Doch Besucher sind eben keine Fluggäste. In den ersten sieben Monaten des Jahres, also inklusive der Zeit vor der Eröffnung des neuen Airports, gab es nach Flughafen-Angaben knapp 14.000 Flugbewegungen und insgesamt 27.000 Passagiere.

Kritik kommt vor allem von den hessischen Landtags-Grünen. „Für die wenigen Ferienflüge hätte man nicht 271 Millionen Euro der Steuerzahler in die Luft blasen müssen“, sagt die Sprecherin für Verkehr, Karin Müller. Die Partei fordert nun Transparenz über die jährlichen Betriebskosten. Eine offizielle Antwort der Landesregierung steht noch aus.

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), der auch Aufsichtsratsvorsitzender des Flughafens ist, wehrte sich aber in einem Interview gegen die Kritik. Er halte es für problematisch, Erfolg und Sinnhaftigkeit von öffentlichen Zuschüssen „vor allem auf den ersten Metern allein an monetären und betriebswirtschaftlichen Faktoren zu messen“, sagte Schäfer Anfang des Monats der Branchenseite „Aero Telegraph“. Der Flughafen diene in erster Linie der nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Nordhessens.

Dass der Flughafen im Fokus steht, wundert Airport-Chefin Maria Muller nicht. „Vergessen Sie bitte nicht, wir haben Wahlkampf in Hessen und da bleibt kein Schwimmbad und kein Flughafen verschont.“

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Die Airlines und nicht der Flughafen sollen Schuld sein

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  • Vorsatz oder Versäumnis? Dieser Fall muss aufgearbeitet werden. Es wird wohl nicht gelingen, die Kumpanen aus Politik (Parteien), Wirtschaft (Bau) und Verwaltung (Regierungspräsidium) wegen Untreue und Bildung einer kriminellen Vereinigung zu belangen. Mein Wahlkriterium ist klar: wer sich vornimmt, derlei künftig unter Strafe zu stellen, hat meine Stimme. Solche Fehlallokation passt nicht in ein Land, das sich im globalen Wettbewerb behaupten muss. Wir brauchen nicht Vetternwirtschaft und Denkarmut, sondern faktenbasierte und mutige Zukunftsplanung.

  • Die Kosten sind nicht explodiert. Die Kalkulation war unseriös. Fachleute waren von Anfang an von bis zu 300 Mio. ausgegangen. Wir brauchen dringend eine Haftung für Politiker. Als Kasseler ist man schnell in Paderborn und Frankfurt. Von Göttingen bis Hannover dauert es auch kaum länger als in das verkehrstechnisch ungünstig gelegene Calden. Der ICE-Bahnhof Kassel liegt am anderen Ende der Stadt. Das die Ausgaben für diesen Flughafen kritisiert werden hat wenig mit Wahlkampf zu tun. Es waren CDU und SPD, die sich ja beide für Kompetent in Sachen Wirtschaft halten, die diesen Flughafen gegen die Leute mit Wirtschaftskompetenz durchgesetzt haben.

  • Kleingeister, lest mal die EU Resolution zum Thema Flughäfen resp. Regionalflughäfen - Euch Schwätzern werden die Augen übergehen, was in Zukunft noch gebraucht und auch gefordert wird. Die Mehrzahl der "Kommentatoren" kommt aber hinter dem Laptop nicht hervor...

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