Kaufhof/Karstadt
„Mindestens 40 Warenhäuser in Gefahr“

Arcandor droht der Untergang. Als einzigen Ausweg für die Warenhaustochter Karstadt betrachtet Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg den Zusammenschluss mit der Metro-Tochter Kaufhof. Er sieht aber auch dann zahlreiche Filialen in Gefahr: "40 bedrohte Häuser sind die Untergrenze."

Herr Roeb, wie beurteilen Sie Metros Pläne zur Zusammenlegung der Konzerntochter Kaufhof mit Arcandors Warenhauskette Karstadt zur Deutschen Warenhaus AG?

Thomas Roeb: Das ist die einzig wirtschaftlich sinnvolle Lösung, die aktuell vorliegt, um zumindest einen Teil von Arcandor zu retten.

Alle der insgesamt mehr als 200 Kaufhof- und Karstadt-Standorte hätten wohl keine Zukunft. Wie viele Filialen wären bedroht?

Die Zahl von 40 bedrohten Häusern, die derzeit kursiert, halte ich für eine realistische Untergrenze. Wenn die Negativentwicklung der Warenhäuser in Deutschland anhält, können das aber in zwei, drei Jahren schon 50 oder 60 sein. Was die Zahl der Warenhäuser angeht, gibt es keine natürliche Unter- oder Obergrenze. Die Zahl ist davon abhängig, wie gut sich die Häuser konzeptionell aufstellen.

Was würde mit den Standorten passieren, aus denen sich Warenhäuser zurückziehen? Es wird ja darüber spekuliert, dass die Hälfte von ihnen als Elektromärkte oder von anderen Handelsfirmen weitergeführt werden könnten.

Das kann ich mir vorstellen, auch in der Größenordnung. Die Metro-Töchter Saturn und Media Markt haben in der Vergangenheit ja schon Kaufhalle-Häuser übernommen. Komplette Warenhäuser könnten sie aber wohl nicht auslasten. Sie müssten sich also etwas einfallen lassen und bräuchten wahrscheinlich Mitstreiter. Für eine Weiterführung von Warenhaus-Standorten kommen auch Textilanbieter wie H&M in Frage. Ausgesprochene Billiganbieter wie Kik dagegen könnten die Miete nicht bezahlen.

Was muss Karstadt verändern, damit die Kunden dort wieder mehr kaufen, statt nur als Besucher zu kommen?

Karstadt muss wie auch Kaufhof in den Schlüsselwarengruppen Bekleidung und Wohnungseinrichtung wettbewerbsfähig mit den jeweiligen Spezialisten werden. Denn diese beiden Segmente machen mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Das erfordert allerdings grundsätzliche Veränderungen, die sich auch auf die gesamte Beschaffungsinfrastruktur erstrecken. Ob dies kurzfristig möglich ist, bleibt abzuwarten.

Metro-Chef Eckhard Cordes hat sich erst in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise vorläufig von seinen Verkaufsplänen für die Tochter Kaufhof verabschiedet. Wie erklären Sie sich den plötzlichen Strategieschwenk, jetzt stattdessen zukaufen zu wollen?

Was soll er machen? Er findet derzeit zu einem vernünftigen Preis keinen Käufer für Kaufhof. Deshalb dreht er den Spieß um und versucht, die Tochter wirtschaftlich besser zu machen. Mit vergleichsweise wenig Geld kann er den Umsatz fast verdoppeln, ohne dass sich die Strukturkosten proportional erhöhen. Absolut steigt die Gesamtprofitabilität also. Und der Wettbewerb nimmt ab. Damit verbessern sich auch die Chancen auf einen guten Verkauf des neuen Gesamtunternehmens. Wenn dies nicht funktioniert, besteht immer noch die Chance, Kaufhof nicht mehr konsolidieren zu müssen.

Müssten die Kunden wegen des dann geringeren Wettbewerbs höhere Preise erwarten?

Nein. Durch die harte Konkurrenz der jeweiligen Spezialisten in vielen Warengruppen gibt es schon jetzt mehr als genügend Wettbewerb.

Tino Andresen
Tino Andresen
Handelsblatt.com / Reporter
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