Kettenreaktion in der Branche?
Deutsche und britische KPMG fusionieren

Die KPMG Deutschland und die KPMG Großbritannien schließen sich zu einer europäischen Prüfungsgesellschaft zusammen. Andere nationale Schwestergesellschaften sollen folgen. Die Fusion könnte eine Kettenreaktion in der Branche auslösen.

FRANKFURT „Wir wollen eine größere Schlagkraft und hoffen, dass sich weitere Mitgliedsfirmen der Gruppe anschließen“, sagte Ralf Nonnenmacher, der Vorstandsprecher von KPMG Deutschland, dem Handelsblatt. Die neue Firma werde unter dem Namen KPMG Europe LLP firmieren. Die Partner der Prüfungsgesellschaft wurden am Donnerstag informiert, sie sollen nun bis Dezember über die Gründung der neuen Firma abstimmen.

Was auf den ersten Blick relativ unspektakulär aussieht – schließen sich doch zwei Firmen aus dem gleichen „Stall“ zusammen“ –, ist dennoch eine wichtige Entwicklung. Bislang sind die Wirtschaftsprüfungsfirmen wegen der gesetzlichen Vorgaben als nationale Einheiten aufgebaut. KPMG bildet jetzt erstmals gesellschaftsrechtlich einen größeren Verbund auf europäischer Ebene.

Die anderen Prüfer wollen dagegen erst noch abwarten. „Wir haben schon seit längerem eine vertragliche Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg. Aber wir werden das, was KPMG macht, natürlich genau beobachten“, sagte Herbert Müller, Vorstandschef von Ernst & Young. „Wir haben arbeiten eng über die Grenzen zusammen. Das langfristige Ziel ist aber, daraus eine Einheit zu machen“, sagte ein Sprecher von PricewaterhouseCoopers (PwC). „Eine unserer strategischen Initiativen ist die Förderung von länderübergreifenden Zusammenschlüssen oder Kooperationen“, bestätigt auch Wolfgang Grewe, Geschäftführender Partner bei Deloitte Deutschland.

Neues Gesetz

Möglich wird der Zusammenschluss durch die Neufassung einer EU-Richtlinie, die es erlaubt, dass auch ausländische Berufsangehörige Anteile an den jeweiligen nationalen Prüfungsfirmen halten dürfen. „Wir sind die Ersten, die die neuen Möglichkeiten nutzen und erhoffen uns natürlich einen Wettbewerbsvorteil“, sagte Nonnenmacher. Hintergrund der Entscheidung dürfte der wachsende Druck sein, unter dem die Wirtschaftsprüfer stehen. Angesichts der Globalisierung und einheitlicher Rechnungslegungsstandards verlangen selbst mittelgroße Firmen eine weltweite Präsenz und einheitliches Prüfungs-Know-how. Gleichzeitig erhofft sich die KPMG-Führung Vorteile bei der Nachwuchssuche.

Allerdings dürfte auch die Effizienz eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. So ist der Kapitalbedarf in der Branche groß. Software-Programme etwa für die Bilanzprüfung aber auch die Schulung der Mitarbeiter verschlingen immer mehr Geld. Bill Parrett, Vorstandschef von Deloitte Touche Tohmatsu, hatte deshalb vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass die Strukturen der Prüfungsfirmen überdacht werden müssten.

Skepsis gegenüber Prüfmultis

Die Bildung europäischer Prüfungsfirmen dürfte freilich nicht überall auf Beifall stoßen. Politikern und Investoren ist die wachsende Präsenz der vier großen Prüfungsfirmen KPMG, Deloitte, Ernst & Young sowie PwC ein Dorn im Auge. So kam jüngst eine Studie im Auftrag des britischen Wirtschaftsministeriums zu dem Schluss, dass diese Dominanz schädlich ist. Auch die Vereinigung der britischen Versicherer fürchtet Nachteile. Dem Firmencheck des Handelsblatts zufolge lassen sich 80 Prozent der Dax-Firmen von KPMG oder PwC prüfen. Werden die deutschen und britischen Firmen der 500 größten europäischen Unternehmen als Basis genommen, erreicht KPMG hier bei der Prüfung einen Anteil von 28 Prozent. PwC kommt auf 40 Prozent, Deloitte und Ernst & Young auf jeweils 15 Prozent.

KPMG Deutschland erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von gut einer Mrd. Euro, die britische Gesellschaft kam auf fast 1,3 Mrd. Euro. Nach Aussage von Nonnenmacher wird der rechtliche Sitz der KPMG Europe London, die Zentrale aber in Frankfurt angesiedelt sein. Die Firma werde von ihm und seinem britischen Kollegen John Griffith-Jones geleitet.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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