Klopse à la Mehdorn
Wie die Bahn im Speisewagen an ihrem Image feilt

Prächtig waren die Zeiten, als man in den Zügen der Bahn noch mit Tafelsilber speiste. Fünf Gänge, von livrierten Kellnern formvollendet serviert. Das ist lange her, schon im Nachkriegsdeutschland verflachte das kulinarische Angebot der Deutschen Bahn.

HB DÜSSELDORF. Unter der Regie der ehemals ostdeutschen Bahn-Tochter Mitropa hatte das Ansehen der rollenden Gastronomie zur Jahrtausendwende endgültig seinen Nullpunkt erreicht. Die Bahnmanager überlegten damals prompt, ganz Schluss zu machen mit ihrem Essen auf Rädern. Was folgte, waren ein Sturm der Entrüstung unter den Kunden und eine Qualitätsoffensive bei der Bahn: Würzten zunächst Alfred Biolek und Eckart Witzigmann mit ihren Namen das neue Speisenangebot („Rehpfeffer mit Brezenknödel für 13,90 Euro“), so ist es neuerdings Deutschlands junge Kochelite, die „Jeunes Restaurateurs d’Europe“.

Bis Ende Mai gestaltet jeweils ein Mitglied dieser Vereinigung von Spitzenköchen ein Gericht für den Speisezettel der Bordrestaurants. Im Monat März sind es Königsberger Klopse in Kapern-Gemüsesauce mit Butterreis nach einem Rezept von Michael Hoffmann, Küchenchef im Berliner Edel-Restaurant „Margaux“.

Was aber in dem Buch „Deutschlands junge Spitzenköche kochen deutsch“, das der Aktion zu Grunde liegt, noch als „äußerst delikate regionale Spezialität“ beschrieben wird, kommt im Praxistest einen Hauch bescheidener auf den Teller: „Für die zwei Fleischbällchen in der Größe von Minigolfbällen würde ich die Bezeichnung Klopse doch als etwas unangebracht und übertrieben bezeichnen“, schildert der Hamburger Gastronomie-Kritiker Mario Scheuermann das Ergebnis seines Tests in seinem Webtagebuch „The drink tank“. Starkoch Michael Hoffmann findet das nicht lustig. Er erinnert daran, dass es sich bei den Bahn-Gerichten um industriell gefertigte Produkte handele – von deren hoher Qualität er sich allerdings persönlich überzeugt habe. Bisher gebe es da überhaupt nichts zu meckern.

Das alles ist Grund genug für das Handelsblatt, den Praxistest selbst vorzunehmen. Im ICE 611 von Dortmund nach München betrete ich das Zugrestaurant gegen 19 Uhr in Höhe des Ulmer Hauptbahnhofs und bestelle die auf der Speisekarte aufgeführten Königsberger Klopse. Ich habe Glück, Laura M. (Name von der Redaktion geändert), eine von rund 1 600 angelernten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bordservices, hat im Kühlschrank das letzte im transparenten Kunststoffbeutel eingeschweißte Klopse-Menü ausgemacht und erhitzt es im „Konvektomaten“.

Die Rechnung kommt schnell: 9,90 Euro für das Essen und ein Pils für 2,80 Euro. An der Kasse zahle ich mit einem 50-Euro-Schein und erhalte 47,30 Euro Wechselgeld zurück. Ich weise den Aushilfskellner auf seine Rechenschwäche hin und denke, es ist kein Wunder, dass die Bordgastronomie noch nie einen nennenswerten Ergebnisbeitrag abgeliefert hat.

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