Koks ist knapp geworden in Deutschland
Es muss klingeln wie ein Glöckchen

Dirk Petereit geht leicht in die Knie und prustet, dann geht es hinunter in einen Kohlenkeller in Oberhausen. Den Jutesack hat er rechts am Zipfel gepackt, so balanciert er den Zentner Koks auf der Schulter. Seine Lippen haben einen schwarzen Rand, das ist der Kohlenstaub, der sitzt überall, auch in den Poren. Früher hat er manchmal 150 Sack am Tag gepackt. Jetzt ist er froh, wenn es 30 sind. Petereit, 34, gelernter Fleischer, arbeitet seit vier Jahren für das Mülheimer Kohlenkontor. Das ist einer der letzten unabhängigen Kohlengroßhändler im Ruhrgebiet. „Es wird Jahr für Jahr weniger,“ sagt er, als er zurück ist und sich den nächsten Sack packt.

DUISBURG. Petereit und der Kohlensack, eine Szene wie aus dem 19. Jahrhundert. Koks, das war lange Jahre die Steigerungsform der Steinkohle, ein schmutziger Brennstoff, ein Subventionsgrab, ökonomisch sinnlos und ökologisch verderblich. Geschichte. Seit der weltgrößte Koks-Exporteur China viel weniger liefert als erwartet, weil er den Brennstoff selbst braucht, um die eigenen, schnell wachsenden Industrien anzufeuern, ist der Preis auf dem Weltmarkt explodiert. Seitdem ist Koks ein Top-Thema, auch in der Politik: Kann es sich ein Land wie die Bundesrepublik leisten, bei der Versorgung mit einem wichtigen Brennstoff von dem abhängig zu sein, was gemeinhin Weltmarkt genannt wird?

Tatsächlich wird Koks in der Eisen- und Stahlerzeugung gebraucht und indirekt selbst in der Chemie. Über Jahrzehnte gab es genügend Koks in Deutschland, und auch heute noch könnte das so sein, Steinkohle ist ja genügend vorhanden. Warum gleichwohl in Deutschland nun Koksnotstand herrscht und den heimischen Stahlerzeugern der Brennstoff auszugehen droht, das zeigt eine Tour durchs Ruhrgebiet, der Heimat des deutschen Kokses.

Das schwarze Stück ist groß wie zwei Bergmannsfäuste und sieht aus, wie sich Grundschüler ein Stück Steinkohle wohl vorstellen. Schwarz und dreckig. Dabei ist es für viele Überraschungen gut. Leicht liegt es in der Hand, die Finger bleiben sauber. Und tippt man mit dem Fingernagel daran, klingt es fast wie Porzellan. Es ist Koks, die raffinierte Variante der Steinkohle. „Es muss silbern glänzen und klingeln wie ein Glöckchen“, sagen die Koker.

Im Hochofen entfacht Koks höllische Temperaturen und bleibt lange Zeit trotzdem hart. Das Eisen kann abfließen, bis auf ein Häufchen Schlacke. Ohne Koks kein Roheisen, und ohne Eisen kein Stahl – den Rest mag man sich gar nicht ausmalen.

Inzwischen ist Koks in Europa so rar geworden, dass der Deutsche Gießereiverband schon vor drohenden Versorgungsengpässen warnt. Angefangen hat die Misere 1998: Da kündigte die deutsche Stahlindustrie den Hüttenvertrag mit der Ruhrkohle, um von dem vergleichsweise teuren deutschen Koks loszukommen. Was dann aber in Gang geriet, war eine Kettenreaktion. Reihenweise wurden Kokereien dichtgemacht, Deutschland ist mittlerweile größter Koksimporteur der Welt, daheim gibt es nur noch eine Hand voll Kokereien. Höhepunkt der Entkokung war der Verkauf der erst 1992 eröffneten Dortmunder RAG-Kokerei Kaiserstuhl nach China. Die gesamte Anlage wird derzeit verpackt und nach Asien verschifft. Im Mai 2004 hat die Tonne Importkoks durchschnittlich 218,59 Euro gekostet. Im Monat zuvor waren es noch 137,46 Euro.

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