Kommentar zur Kartellstrafe
Eine entlarvende Dokumentation der Dreistigkeit

Lebensmittelkunden sollten die Wettbewerbshüter lieben. Denn nur sie können offenbar verhindern, dass im Handel schamlos Preise abgesprochen werden. Und Aldi will sich sogar noch als Opfer präsentieren. Ein Kommentar.
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Akribisch hat das Bundeskartellamt aufgeschrieben, mit welchen Methoden Lebensmittelhersteller und Einzelhandel über Jahre hinweg die Preise abgesprochen haben. Es ist eine entlarvende Dokumentation der Dreistigkeit. Ein erschreckender Beleg, wie mangelnde Konkurrenz im Lebensmittelhandel dem Kunden schadet.

Mit knapp 152 Millionen Euro Bußgeldern sind die beteiligten Unternehmen da noch vergleichsweise günstig davongekommen. Nur weitgehende Kooperation hat einige beteiligte Unternehmen vor höheren Strafen bewahrt. Denn die Details, die die Wettbewerbshüter aufgedeckt haben, lassen ein erstaunliches Ausmaß an Absprachen erkennen.

So hat beispielsweise Haribo in mehreren Runden Preiserhöhungen für Fruchtgummis und Lakritz systematisch im Handel durchgesetzt, hat anschließend die Einhaltung dieser Preisuntergrenzen intensiv überwacht und ist aktiv eingeschritten, wenn Händler sich nicht an die Abmachungen gehalten haben. Dabei hat Haribo geschickt die Machtverhältnisse im Handel ausgenutzt: So hat der Hersteller zuerst Aldi von der Preiserhöhung überzeugt und dann damit die anderen Händler unter Druck gesetzt. Der Aldi-Preis wurde somit zur Preisuntergrenze.

Frech will sich Aldi dabei nun zum Opfer und Anwalt der Kunden stilisieren. Ausgerechnet der Marktführer im Discount, der es mit seiner Marktmacht sonst versteht Preise und Konditionen zu diktieren, behauptet, er habe dem steten Drängen des Herstellers Haribo nachgeben müssen, die Preise für Weingummis zu erhöhen. Da kommen dem Kunden die Tränen.

Angesichts der Tatsache, dass die vier großen Lebensmittelhändler Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) mittlerweile 85 Prozent des Absatzes kontrollieren, ist es nur zu verständlich, dass das Kartellamt sehr empfindlich auf jede weitere Konzentration des Marktes reagiert – wie zurzeit bei der geplanten Übernahme von Kaiser’s Tengelmann durch Edeka. Denn erst in solchen engen Marktstrukturen können solch dreiste Preisabsprachen funktionieren.

Der Kunde sollte jeden Abend ein Kerzchen für das Kartellamt anzünden.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

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  • Wo bleibt die Entschädigung der betrogenen Endverbraucher?

  • Bei unserem Aldi (Aldi-Süd) gibt es kein Haribo.

    Davon ab, Haribo war schon immer eine Apotheken-Preis-Marke.

    Teure Werbung muss nun mal vom Kunden bezahlt werden :-)

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