Konsolidierung der europäischen Luftfahrt-Branche
Himmel über Europa wird neu geordnet

Die Karten werden neu gemischt. Die europäischen Luftfahrtindustrie stellt nach den Insolvenzen der vergangenen Krisenjahre neu auf. Angesichts der schwachen Branchenkonjunktur und zum Teil hoher Verluste rücken die kontinentalen Fluglinien dabei zunehmend zusammen.

HB FRANKFURT/ZÜRICH. Die finanziell in Bedrängnis geratene Schweizer Fluglinie Swiss teilte am Dienstag in Zürich mit, sie wolle der Luftfahrt-Allianz Oneworld um Europas größte Fluggesellschaft British Airways (BA) beitreten. Am Montagabend hatte Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi angekündigt, die Regierungen von Italien und Frankreich strebten eine Fusion der europäischen Nummer Zwei Air France mit Alitalia und der niederländischen KLM an. Die Lufthansa reagierte gelassen und erklärte nach dem Scheitern ihrer Fusionspläne mit Swiss, sie sehe sich als Mitglied des weltweit führenden Bündnisses Star-Alliance ausgezeichnet positioniert und sei nicht auf Übernahmen angewiesen.

Bei einem Zusammenschluss von Air France, KLM und Alitalia würde British Airways als Europas Branchenführer abgelöst und die Allianz SkyTeam gestärkt. Sowohl Alitalia als auch Air France sind mehrheitlich in Staatsbesitz. Branchenkonjunktur und hohe Verluste zwingen die Fluglinien auf dem Kontinent dazu, näher zusammenzurücken. Die Aktien der Lufthansa notierten am Nachmittag in einem nachgebenden Gesamtmarkt knapp drei Prozent im Minus bei rund 12,10 €. Swiss-Aktien gewannen nach der Wiederaufnahme des Handels gut drei Prozent auf 17,40 Franken.

Swiss gibt Lufthansa einen Korb

Nach monatelangem Ringen erteilte die Swiss einem Bündnis mit der Lufthansa eine Absage und entschloss sich für einen Beitritt zu Oneworld. Analysten beurteilten dies als weitgehend positiv für die Lufthansa, weil sie sich nicht auf finanzielle Abenteuer mit einer defizitären Fluglinie eingelassen habe. Außerdem zweifelten etliche Experten die Überlebensfähigkeit der Swiss an. „Ich habe nie die Notwendigkeit für eine Kapitalbeteiligung gesehen...Swiss ist weiter ein hartnäckiger Restrukturierungsfall, die Wahrscheinlichkeit für einen Bankrott sehr hoch. Swiss ist für ihren Heimatmarkt Schweiz einfach zu groß“, sagte ein Analyst.

„Für den gesamten Markt wäre eine Pleite von Swiss am besten gewesen“, bilanzierte auch der Analyst Robert Czerwensky von der Vereins- und Westbank. „Plakativ sieht es wie eine Rettung aus. Aber es bleiben Fragezeichen, ob Swiss mit diesen Überkapazitäten einmal ein positives Ergebnis erzielen wird“. Swiss-Chef Andre Dose bekräftige dagegen das Ziel, 2004 die Gewinnschwelle zu erreichen und im Jahr darauf schwarze Zahlen zu schreiben.

Lufthansa erwartet keine negativen Folgen

Die Lufthansa selbst erwartet keine negativen Folgen für ihr Geschäft. „Wir haben in Europa eine führende Position, wir haben ein intensives Netz von Partnerschaften, wir sind hervorragend aufgestellt. An unserer Wettbewerbsposition gibt es überhaupt keinen Zweifel“, sagte Finanzvorstand Karl-Ludwig Kley der Nachrichtenagentur Reuters. Lufthansa habe der Swiss ein Angebot gemacht, das das Drehkreuz Zürich auf Dauer erhalten hätte. Die Swiss-Investoren seien jedoch nicht zu einer neuen Finanzspritze bereit gewesen.

Private und öffentliche Geldgeber hatten der Swiss vor gut einem Jahr mit einer Finanzspritze von 2,7 Mrd. Franken zu einem neuen Start verholfen, zuletzt jedoch keine Bereitschaft zu weiteren Hilfen gezeigt. Lufthansa und Swiss hatten nach Lufthansa-Angaben über einen Zusammenschluss und die Integration der Swiss in den deutschen Konzern verhandelt. Swiss hätte die operative Eigenständigkeit und den eigenen Markenauftritt sowie die Heimatbasis Zürich als Drehkreuz für Langstreckenflüge behalten sollen.

Swiss erhofft sich mehr Eigenständigkeit

Die Swiss, die aus der insolventen Swissair hervorgegangen war und von vielen Schweizern noch immer als Nationalsymbol betrachtet wird, verspricht sich durch den Beitritt zu Oneworld nun jedoch mehr Eigenständigkeit, bessere wirtschaftliche Perspektiven und einen direkten kommerziellen Nutzen von 100 Mill. Franken pro Jahr. Außerdem will Swiss mit BA eine nicht näher beschriebene strategische Allianz schließen.

BA werde Start- und Landerechte der Swiss am Londoner Flughafen Heathrow erhalten und im Gegenzug eine Kreditgarantie über 50 Mill. Franken für die Swiss übernehmen, erklärte das Schweizer Unternehmen in Zürich. Auch die Großbanken UBS und Credit Suisse hätten frisches Geld in Aussicht gestellt. Zugleich liefen Gespräche mit weiteren Kreditgebern, darunter auch Großaktionären.

Die Swiss verliert Schätzungen zufolge derzeit etwa 50 Mill. Franken pro Monat und steht unter erheblichem finanziellen Druck, weil die Milliarden, die Staat, Banken und Wirtschaft zum Erhalt der Fluggesellschaft aufgebracht hatten, langsam zur Neige gehen. Größte Aktionäre der Swiss sind der Bund, der Kanton Zürich sowie die Credit Suisse.

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