Konsolidierung
Konkurrenz will Deichmann ans Leder

Die Schuhhandelskonzerne Wortmann und Hamm-Reno nehmen den bislang unangefochtenen Branchenprimus Deichmann in die Zange und wachsen schneller als Deichmann. Die Konsolidierung der Branche ist in vollem Gang – auf Kosten des unabhängigen Fachhandels.

DÜSSELDORF. Die Konkurrenten Wortmann und Hamm-Reno ahmen nicht nur das Erfolgskonzept des integrierten Schuhhandelskonzerns Deichmann nach, sondern vollziehen auch die jüngsten Anpassungen wie die Hinwendung zum Markenschuhhändler mit. Die Folge: Die Angreifer wachsen schneller als Deichmann.

Der Marktführer mit einem Jahresumsatz von 2,5 Mrd. Euro steigerte seine Erlöse von Januar bis August 2006 um acht Prozent. Die Schuhgruppe Wortmann aus Detmold legte im vergangenen Geschäftsjahr 2005/2006 (bis Ende Mai) beim Umsatz um 17,6 Prozent auf 625,3 Mill. Euro zu und verbuchte ein „sehr zufrieden stellendes“ Ergebnis. Selbst in Deutschland konnte Wortmann zweistellig zulegen. Dicht auf den Fersen folgt die HR Group, die sich erst im vergangenen Jahr aus dem Familienunternehmen Hamm und der ehemaligen Metro-Schuhkette Reno zusammengeschlossen hat. Für 2006 erwartet Geschäftsführer Matthias Händle zwar nur ein Plus von sechs Prozent auf 560 Mill. Euro. Durch die Synergien aus der Fusion und zugekaufte Schuhmarken wie Mercedes soll das Wachstum in den kommenden Jahren aber einen Schub erhalten: „Bis 2012 werden wir den Umsatz verdoppelt haben.“

Die Aufholjagd von Wortmann und Hamm-Reno erfolgt in einem seit Jahren schrumpfenden Schuhmarkt und ist ein Verdrängungswettbewerb. Einer Studie der Kölner Unternehmensberatung BBE zufolge wachsen bei einem insgesamt stagnierenden Markt nur noch die aggressiven Schuhfilialisten wie Deichmann und Reno sowie branchenfremde Discounter wie Tchibo und Aldi. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Schuhe sinken seit Jahren, während die Zahl der verkauften Paare steige.

Die Konsolidierung der Branche ist in vollem Gang – auf Kosten des unabhängigen Fachhandels. In den vergangenen elf Jahren reduzierte sich die Zahl der Schuhgeschäfte in Deutschland um mehr als ein Viertel auf unter 10 000. „Der unabhängige Facheinzelhandel stirbt aus“, sagt Hermann Fuchslocher von der gleichnamigen Unternehmensberatung. „Und in diese Lücke stoßen Wortmann und Hamm-Reno mit ihren Eigenmarken und Deichmann mit zugekauften Marken wie Elefanten und Gallus.“

Anders als der Einzelhändler Deichmann haben Wortmann und Hamm-Reno als Großhändler und Systemlieferanten begonnen. Wortmann sammelt seit Jahren als Lizenznehmer von Modemarken wie S’Oliver Erfahrung in der Markenführung. Im vergangenen Jahr eröffnete Wortmann dann in Berlin den ersten Laden der Eigenmarke Tamaris. Neun weitere folgten. „Im kommenden Jahr planen wir pro Monat zwei neue Tamaris-Filialen zu eröffnen sowie Finnland, die Niederlande, Österreich, die Schweiz, Tschechien und Litauen zu erschließen“, sagte Horst Wortmann, geschäftsführender Gesellschafter, dem Handelsblatt.

Der Expansion sind kaum Grenzen gesetzt. Zum einen verfügt Wortmann mit 75 Prozent über eine sehr solide Eigenkapitalquote, zum anderen werden die Filialen nicht wie von Deichmann selbst aufgebaut und betrieben, sondern von lokalen Einzelhandelspartnern. Die Marke Tamaris hat Marktstudien zufolge das Potenzial sich zu einer eigenständigen Marke wie Gabor oder Rieker zu entwickeln.

Hamm-Reno hat europaweit 2 200 Standorte und ist mit 750 Reno-Filialen sowohl auf der Straße als auch mit 1 450 Flächen (Payless, Schuhstop) in Kaufhäusern und Verbrauchermärkten vertreten. Die Expansion wird wie bei Wortmann mit Partnern aggressiv vorangetrieben. „Hamm-Reno wächst aus eigener Kraft. Wir bleiben ein Familienkonzern“, sagt Händle. Die Gruppe gehört je zur Hälfte der Familie Hamm und dem ehemaligen Metro-Manager Siegfried Kaske.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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