Konsumenten-Schulden
Wenn Kreditkarten süchtig machen

Mal ein neuer BMW, mal ein Paar Stiefel für 400 Dollar: Viele Konsumenten verlieren die Übersicht beim bargeldliosen Einkauf und überschulden sich. In Selbsthilfegruppen lernen sie, mit Geld umzugehen - oder sie greifen direkt zur Scheere.

ST. LOUIS. Jahrelang gab Michael Wagner sein Geld nach Lust und Laune aus. Er gönnte sich nebenbei viele Extras wie Jeans für 200 Dollar oder einen schicken BMW, ohne jemals auf seinen Kontostand zu achten. Dank seiner Kreditkarten konnte er alles mühelos bezahlen, bis ihm eines Tages die Schulden über den Kopf wuchsen. Da stand er trotz seines sechsstelligen Jahreseinkommens bei den Kreditkartenunternehmen mit 25 000 Dollar in der Kreide und konnte die Ratenzahlungen für sein Haus und sein Auto nicht mehr bedienen. Ständig riefen die Gläubiger bei ihm an. "Es war eine hoffnungslose Abwärtsspirale", sagt Wagner.

Schließlich schloss sich der 34-jährige Verkaufs-Manager aus St. Louis dem "Sonntagmorgen-Frühstücks-Club" an, einer Gruppe verschuldeter Menschen, die sich wöchentlich bei Kaffee und Rührei über ihre Geldnöte austauschen. Seitdem sei er auf dem Weg, seine Schulden abzutragen, sagt Wagner. Ihm habe es geholfen zu entdecken, dass er nicht der einzige sei, der Geldprobleme hat.

Seit dem Konjunktureinbruch in den USA finden immer mehr gepfändete Amerikaner Trost und manchmal auch guten Rat in Selbsthilfegruppen für Überschuldete. Solche Gruppen sprießen derzeit in Kirchengemeinden, Colleges und Cafes wie Pilze aus dem Boden.

Vor allem in Südkalifornien und im Bundesstaat Arizona registrieren die Hilfestellen eine größere Nachfrage . Diese Landesteile sind besonders stark vom wirtschaftlichen Abschwung betroffen. Die Southern Baptist Convention ruft derzeit ihre Mitgliedsgemeinden dazu auf, Hilfsangebote für Verschuldete einzurichten. Gruppen wie die Anonymen Schuldner gibt es zwar schon seit Jahrzehnten. Aber sie waren nicht besonders stark gefragt. "Bislang war es so, dass sich die Leute zu sehr für ihre Schulden schämten", sagt Ashley Clayton von der Southern Baptist Convention. "Nun gibt es ein Erwachen."

Viele Menschen geraten inzwischen so unter Druck, dass sie nun auch bereit sind, mit anderen Menschen über ihre Geldnöte zu reden. Die meisten Menschen, die in Gruppen Hilfe suchen, gehören der jüngeren Generation an, die mit Kreditkarten aufgewachsen ist, und keine Erinnerung an Zeiten wirtschaftlicher Depression hat.

So wie Shawanda Greene, die sich vor kurzem "Girls Just Wanna Have Funds" anschloss, einer Gruppe in Washington D.C., die sich an jüngere Frauen richtet. Das Ziel der 26-Jährigen: Sie will herausfinden, warum ihr gespartes Vermögen sich auf nur 54 Dollar beläuft, obwohl sie 82 000 Dollar im Jahr verdient. Die anderen Teilnehmerinnen rieten Greene, erst einmal nachzuforschen, wo ihr Geld hingehe. Einen Teil ihres Gehalts verwendet die junge Frau darauf, Schulden abzubezahlen, zum Beispiel ihren Studienkredit von 14 500 Dollar. Dann aber fiel Greene auf, dass sie sich zu viele Luxusausgaben leistet, wie zum Beispiel Cole-Haan-Stiefel für 400 Dollar. Zu den Extras zählte sie auch ihren stets hungrigen Freund, der immer ihren Kühlschrank leer aß, wenn er bei ihr war. Vor allem sein Riesenappetit auf frische Südfrüchte habe ihr Konto auf Dauer belastet, klagt Greene. "Ich kann in zwei Tagen 18 Mangos essen", räumt der 36-jährige Ingenieur ein. "So bin ich halt." Doch dafür wollte Shawanda Greene nicht mehr aufkommen. Wegen der ständigen Streitereien über die Lebensmittelkosten beendete sie schließlich die Beziehung.

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