Konsumtrends
Die Welt ist flat

Unzählige Angebote, täglich wechselnde Preise und Tarife, undurchsichtige Produkte: Die stundenlange Suche nach dem günstigsten Schnäppchen – das war gestern. Jetzt macht ein neuer Konsumtrend Furore: die totale Flatrate. Das Heilmittel gegen jegliche Komplexität.
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Jeff Bezos wollte jeden Verdacht vermeiden, dass sein Internet-Supermarkt ein neues Zugpferd braucht. Mitten im Weihnachtsgeschäft, als sich die Pakete in den Lagerhallen schon stapelten, zauberte der Chef des Online-Versenders Amazon noch einen besonderen Knüller aus dem Hut. Für einen Festbetrag von 29 Euro pro Jahr dürfen Amazon-Shopper den Premium-Versand „Prime“ kostenlos und unbegrenzt nutzen. Die Kunden sollen sich für den Betrag so viel und so oft etwas zuschicken lassen können, wie sie wollen – am nächsten Tag klingelt der Postbote und bringt die bestellte Ware ohne Mindestbestellwert und Aufpreis vorbei.

„Das Angebot ist ein All-you-can-eat- Express-Versandprogramm“, schwärmt Bezos. Ob Kaffeemaschine, Kamera, Babyfon oder Schnuller – Amazon-Kunden bekommen jedes Produkt am nächsten Tag zugestellt, ohne sich Sorgen über horrende Versandkosten machen zu müssen. Bisher kostete der Service sechs Euro je Lieferung. Nach nur fünf Bestellungen hat sich die Versandpauschale also bereits amortisiert.

Mit der 29-Euro-Pauschale setzt Amazon auf einen Trend, der Deutschland gerade im Sturm erobert – neben dem Bio-Boom wohl der große Konsumtrend der kommenden Jahre: Flatrate heißt das neue Zauberwort, dass immer mehr Unternehmen in seinen Bann zieht, da die Konsumenten in der schier unaufhaltsam wachsenden Komplexität der Warenwelt Klarheit und Einfachheit wollen – und bereit sind, dafür zu bezahlen. Da versucht der im pfälzischen Kastellaun ansässige Optiker Johannes Birk die Kürzungen im Leistungskatalog der Krankenkassen durch eine werbewirksame Brillen-Flatrate (8,50 Euro pro Monat) aufzufangen. In Köln lockt die „Elefanten-Flatrate“ für 60 Euro pro Jahr noch mehr Besucher in den Zoo. Das Japan-Restaurant Garten Eden ein paar Straßen weiter bietet beim Mittagsbüffet nicht mehr „All-you-can-eat“, sondern die Sushi-Flatrate für 11,90 Euro. Und der junge Banker Karl Matthäus Schmidt bietet in seiner Quirin Bank ein neues Provisionssystem. Für 75 Euro im Monat garantiert das frisch gebackene Berliner Institut unabhängige Beratung in allen Finanzgeschäften.

„An der Flatrate führt nichts mehr vorbei“, prophezeit Gunnar Clausen, Experte für Pauschalangebote bei der Bonner Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners, die sich auf die Kunst der richtigen Preisgestaltung spezialisiert hat. Jahrzehntelang galt in der Betriebswirtschaft die unumstößliche Regel, dass die bestellte Menge oder die benötigte Zeit bestimmt, wie viel ein Unternehmen für seine Waren oder Leistungen verlangt. Jetzt verstoßen Unternehmen gegen diese uralten betriebswirtschaftlichen Glaubenssätze und legen Pauschalen fest, die für alle Leistungen ohne Limit entschädigen – und verhelfen der Flatrate zu einem ungewöhnlichen Siegeszug.

Der Trend zu Pauschalpreisen markiert den Beginn einer neuen Konsumbewegung. Liberalisierung, Globalisierung und die permanente Nachrichtenflut durch das Internet bringen den Verbrauchern zwar mehr Vielfalt und mehr Informationen als jemals zuvor. Doch noch nie war es so anstrengend und mühsam, die richtige Auswahl zu treffen. Viele Kunden verlieren den Überblick und schieben Anschaffungen vor sich her. Unzählige Angebote mit zum Teil täglich wechselnden Preisen und Tarifen zehren an den Nerven der Kunden und machen es ihnen mitunter unmöglich, eine Entscheidung zu treffen, vor der sie selbst bestehen können.

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