Konzerne setzen auf Frühbucherrabatte
Reisebranche macht gegen Preiskrieg mobil

Die deutsche Touristikbranche sagt den Schnäppchenjägern den Kampf an. Angesichts des massiven Preisverfalls bei Reisen in diesem Sommer wollen insbesondere die großen Konzerne den von ihnen maßgeblich mit verursachten Billigtrend wieder stoppen. Grund sind die hohen Verluste durch das Last-Minute-Geschäft, das in diesem Sommer bei einzelnen Veranstaltern nach Branchenangaben mehr als 50 % beträgt.

HB BERLIN. Die Krise in der Touristikindustrie mit einem Markteinbruch von 25 Prozent hat die Branche geeint. „Es ist für uns alle eine wirtschaftliche Notwendigkeit, wieder fortzukommen von dem, was in diesem Sommer passierte“, begründet der Deutschlandchef der Tui, Volker Böttcher, in der „Welt am Sonntag“ die gemeinsamen Anstrengungen. Jeder wisse, dass man eine Ware nur so lange zu einem bestimmten Preis auf dem Markt anbieten könne, wie das Ganze wirtschaftlich sinnvoll sei. Diese Grenze sei erreicht. „Die Verbraucher werden wieder lernen müssen, dass man für ein vernünftiges Produkt auch einen vernünftigen Preis bezahlen muss.“

Tui und Thomas Cook hatten bereits in den vergangenen Wochen für die Wintersaison angekündigt, man wollen den hohen Anteil der besonders günstigen Last-Minute-Reisen, die nur wenige Wochen vor Reiseantritt gebucht werden, wieder eindämmen. Lieber werde man Kapazitäten reduzieren, anstatt sie bei geringer Nachfrage zu verramschen, wie dies in der aktuellen Sommersaison geschehen ist, hatte Thomas-Cook-Vorstand Peter Fankhauser vor wenigen Tagen erklärt.

Ab der Wintersaison 2003/2004 sollen schnäppchenverwöhnten Urlauber mit Frühbucher-Rabatten wieder zu kalkulierbaren Kunden werden. Gehe es nach dem Willen der großen Anbieter wie Tui, Thomas Cook und Rewe Touristik, sollten Preisschlachten gemeinsam verhindert werden, schrieb die Zeitung. Mit im Boot der neuen Allianz sind auch die Last-Minute-Anbieter. Trotz erheblicher Zuwächse im vergangenen Jahr befürchten sie ein Ungleichgewicht im Markt. „Last Minute kann nur funktionieren, wenn der größere Teil des Marktes längerfristig bucht. Gelingt das nicht, kriegt die gesamte Systematik ein Problem“, sagte Markus Faller von L'Tur der Zeitung. Gleichzeitig hofft die Branche auf den schon wiederholt in Aussicht gestellten Aufschwung.

Die Reisekonzerne leiden massiv unter dem Preisverfall. Tui wies zum Halbjahr in seiner Touristiksparte einen operativen Konzernverlust von fast 200 Mill. € aus. Thomas Cook hofft, nach einem Rekordverlust im Vorjahr, 2003 dank massiver Einsparungen durch Personalabbau und Verkleinerung der Flugzeugflotte zumindest noch ein ausgeglichenes Ergebnis zu erzielen.

Nach Angaben der Reisekonzerne wird inzwischen nur noch weit weniger als ein Drittel der Urlaubsreisen mehrere Monate im Voraus gebucht. Bei Thomas Cook wurden nach eigenen Angaben im Sommer mehr als 30 % der Reisen im verlustreichen Last-Minute-Geschäft abgesetzt. Fankhauser zufolge kann man mit Last-Minute lediglich die Auslastung von Hotels und Flugzeugen etwas verbessern und damit noch höhere Verluste vermeiden.

Die Reisebranche steht angesichts ihrer mittlerweile schwersten Krise, die nun schon seit zwei Jahren andauert, vor grundlegenden Veränderungen bei ihrer Kundschaft. Bis vor wenigen Jahren war bereits im Februar für die bevorstehende Sommersaison mehr als die Hälfte des Geschäfts unter Dach und Fach. „Damit ist es jetzt vorbei“, sagt der Deutschland-Chef von Thomas Cook, Detlef Altmann. Flexible Preise und ebenso flexibel kombinierbare Reiseangebote sollen vor allem die Hauptmarke Neckermann wieder nach vorne bringen.

Insbesondere die beiden großen Konzerne Tui und Cook räumen mittlerweile selbstkritisch ein, dass sie die Entwicklung in diesem Jahr falsch eingeschätzt und deshalb zu viele Kapazitäten an Flügen und Hotelbetten bereitgestellt haben. Früher hätten wirtschaftliche Krisen oder auch ein Golf-Krieg die Touristik nie wirklich längerfristig getroffen, sagte Böttcher. Dies habe sich verändert. Darauf müsse sich die Touristik einstellen. Tui hatte in diesem Frühjahr noch eine eigene Billigmarke „Discount Travel“ gegründet und damit den Preisdruck auf die Konkurrenz erhöht.

Auch der Aufsichtsrat von Marktführer Tui beschäftigt sich an diesem Montag mit der schwierigen Situation in der Touristik. Die verschiedenen Bereichsvorstände sollen dem Kontrollgremium neue Konzepte und Innovationen darlegen. Der Vorstand hat eine erste interne Prognose für das laufende Geschäftsjahr angekündigt. Wie aus der Tagesordnung für die auf Mallorca stattfindende Sitzung weiter hervorgeht, soll der Verkauf der britischen Handelstochter AMC an deren Manager beschlossen werden. Auch die jüngsten Spekulationen über einen neuen Hauptaktionär von Tui dürften auf der Sitzung thematisiert werden.

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