Kranke Piloten bei Air Berlin Müssen die Kunden den wilden Streik ausbaden?

Bis Oktober ist der Flugbetrieb bei Air Berlin gesichert – zumindest finanziell. Doch wilde Streiks stürzen die insolvente Airline erneut in die Krise. Welche Rechte haben Kunden, deren Flug gestrichen wurde?
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Tausende Fluggäste sind am Dienstag und Mittwoch am Boden geblieben, weil sich zahlreiche Piloten von Air Berlin krankgemeldet hatten. Quelle: dpa
Air-Berlin-Maschinen in Schönefeld

Tausende Fluggäste sind am Dienstag und Mittwoch am Boden geblieben, weil sich zahlreiche Piloten von Air Berlin krankgemeldet hatten.

(Foto: dpa)

DüsseldorfTausende Air-Berlin-Kunden dürften aufgeatmet haben, als der Bund zusicherte, den Flugverkehr der insolventen Airline zumindest bis Oktober aufrechtzuerhalten. Doch nun hat Air Berlin nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein personelles Problem: Rund 150 Piloten meldeten sich am Dienstag krank, mehr als 150 Flüge wurden seither gestrichen. Auch am Mittwoch kam es zu Ausfällen. Per Brandbrief an die Belegschaft versucht der Vorstand um Chef Thomas Winkelmann nun, weitere Ausfälle zu verhindern. Auf fünf Millionen Euro beziffert das Management den bisherigen Schaden, rund 14.000 Passagiere mussten demnach wegen des wilden Streiks am Boden bleiben. Doch welche Rechte können sie geltend machen – und was passiert mit ihren Tickets?

Warum melden sich so viele Piloten gleichzeitig krank?
Nach Einschätzung vieler Experten sind die Krankmeldungen ein sogenannter „wilden Streik“, um bei einer möglichen Übernahme bessere Konditionen für die Piloten durchzusetzen. Bei einem wilden Streik entscheiden Teile der Belegschaft auf eigene Faust, ihre Arbeit niederzulegen – ohne Rückendeckung der Gewerkschaften. Das ist eigentlich illegal, dürfte im Einzelfall allerdings schwer nachzuweisen sein. Ähnliche Vorfälle gab es bei Tuifly im Oktober 2016, als bekannt wurde, dass der Ferienflieger gemeinsam mit der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki in eine Holding integriert werden sollte. Die Pläne sind später gescheitert – durch die Krankmeldungen entstand damals allerdings ein Schaden von 22 Millionen Euro.

Mein Flug bei Air Berlin ist wegen der Krankmeldungen gestrichen worden. Kann ich mein Geld zurückverlangen?
Grundsätzlich haben Passagiere bei Streichungen ein Recht auf Verpflegung sowie einen zumutbaren Ersatzflug, den die Fluggesellschaft organisieren – oder den kompletten Ticketpreis erstatten muss. Bei Air Berlin erschwert die Lage aber das laufende Insolvenzverfahren. Das heißt, dass bei Ausfällen und Verspätungen für die Fluggäste zwar Ansprüche entstehen. Ob es allerdings auch zu Zahlungen kommt, ist ungewiss – bei Insolvenzen werden die Ansprüche von Kunden in der Regel nachrangig behandelt. Erst, wenn die Airline alle anderen Gläubiger bezahlt hat, folgen Entschädigungen für gestrichene und verspätete Flüge. Rechtsexpertin Dunja Richter-Britsch von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg rät Betroffenen, auf einer Umbuchung zu bestehen: „Eine selbst vorgenommene Alternativbuchung oder auch die Geltendmachung von Entschädigungsansprüchen in der Hoffnung, von Air Berlin das Geld ersetzt zu bekommen, scheinen eher aussichtslos.“

Ich habe eine Pauschalreise bei einem Reiseveranstalter gebucht. Wie sieht es hier mit Erstattungen aus?
„Pauschalreisende können sich entspannt zurücklehnen“, sagt Eva Klaar, Reiserechtsexpertin bei der Verbraucherzentrale Berlin. Denn sie haben keinen direkten Vertrag mit Air Berlin, sondern mit ihrem Reiseveranstalter, der allein für die Beförderung seiner Kunden verantwortlich ist. Klaar rät aber allen Betroffenen dazu, ihre Rechte geltend zu machen – auch jenen, die ihren Flug direkt bei Air Berlin gebucht haben.

Sollte ich einen Flug, der bereits geplant ist, stornieren oder auf eine andere Airline umbuchen?
Die Antwort der Verbraucherschützerin ist klar: „Auf keinen Fall, wenn der Flug noch nicht annulliert wurde“, so Klaar. Der Hintergrund: Mit einer Stornierung erwirbt der Kunde zwar eine Forderung gegenüber Air Berlin, den Ticketpreis wenigstens teilweise zurückzuerstatten. Ob es am Ende allerdings dazu kommt, ist ebenso offen wie die Frage nach möglichen Entschädigungen wegen gestrichener oder verspäteter Flüge. Auch hier werden die Ansprüche der Kunden erst nach denen aller anderen Gläubigern behandelt. Einige Air-Berlin-Kunden, mit denen sie Kontakt hatte, würden vorsorglich dennoch bei einer anderen Airline buchen, sagt Klaar – um den Urlaub nicht gefährden. „Allerdings bleiben die am Ende wohl auf den zusätzlichen Kosten sitzen.“

Manche Air-Berlin-Flüge sind derzeit besonders günstig. Sollte ich jetzt noch buchen?
Das hänge von mehreren Faktoren ab, sagt die Berliner Verbraucherschützerin Klaar. „Für mehrwöchige Familienurlaube ist Air Berlin derzeit keine gute Wahl.“ Wer allerdings eine Schnäppchen-Reise übers Wochenende mit der insolventen Airline plane, könne durchaus Glück haben, so die Expertin. „Dabei kommt es aber auch auf die Risikobereitschaft des Reisenden an.“

Die spektakulärsten Airline-Pleiten
2017: Air Berlin
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Mit Air Berlin hat die zweitgrößte Airline Deutschlands Insolvenz angemeldet. Die Pleite bahnte sich seit längerem an: Das Unternehmen mit rund 8.600 Beschäftigten schrieb seit Jahren Verluste und hielt sich hauptsächlich durch Finanzspritzen ihres Großaktionärs Etihad noch in der Luft. Am Freitag drehte die nationale Airline der Vereinigten Arabischen Emirate den Berlinern aber den Geldhahn zu. Mit dem Kredit von 150 Millionen Euro stellt nun der Bund den Flugbetrieb vorerst sicher.

Harter Wettbewerb
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Air Berlin ist kein Einzelfall. Die goldenen Zeiten der Luftfahrt sind seit der Liberalisierung des Marktes, die in den 1980er-Jahren einsetzte, vorbei. Seitdem regiert ein knallharter Wettbewerb die Lüfte. Auch die Branchenkrise nach den Anschlägen des 11. September 2001 und das Aufkommen der Billigflieger sorgen dafür, dass viele bekannte Airlines in die Pleite gerutscht sind.

1991: Pan American Airways
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Wie kein zweites Unternehmen stand „Pan Am“ für das glamouröse Jet-Zeitalter. 1927 flogen die ersten Postflugzeuge unter dem Namen zwischen Florida und Havanna. Schnell wurde das Unternehmen zu einer der größten US-Fluggesellschaften. Die Airline war eine der ersten, die Interkontinentalflüge anbot, und setzte zahlreiche Standards in der zivilen Luftfahrt. Das blau-weiße „meatball“-Logo von Pan American genießt bis heute Kultstatus.

1991: Pan American Airways
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In den 1980er-Jahren begann der Stern von Pan Am zu sinken. Durch die Deregulierung des US-Marktes kamen zahlreiche Konkurrenten auf. 1988 wurde über dem schottischen Lockerbie eine Maschine durch einen Terroranschlag zum Absturz gebracht, was das Vertrauen der Öffentlichkeit erschütterte. 1991 folgte die Übernahme durch Delta Air Lines.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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Auch TWA gehörte zu den Pionieren der Luftfahrt. Gegründet 1930 als „Transcontinental and Western Air“, machte der exzentrische Milliardär Howard Hughes („The Aviator“) das Unternehmen zur zeitweise größten Airline der Welt. Hinter Pan Am war TWA die inoffiziell zweite Flaggschiff-Gesellschaft der USA. 1985 kaufte der Investor Carl Icahn TWA.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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In den 1990er-Jahren musste TWA zwei Mal in kurzer Folge Gläubigerschutz beantragen. 1996 starben beim Absturz einer Boeing 747 über dem Atlantik 230 Menschen. Die stark geschrumpfte Airline kam 2001 wieder in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von Konkurrent American Airlines übernommen.

2001: SwissAir
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1931 gegründet galt die Airline wegen ihrer finanziellen Stabilität lange als „fliegende Bank“. Aufgrund der politischen Neutralität der Schweiz konnte SwissAir zahlreiche lukrative Ziele in Afrika und im Nahen Osten anfliegen.

Was passiert mit meinem Ticket, wenn Air Berlin von einer anderen Airline aufgekauft wird? Was ist mit Bonusmeilen oder Gutscheinen?
Ob die bereits bestehenden Verträge mit den Air-Berlin-Kunden bei einer Übernahme weiterhin gültig bleiben, kann derzeit niemand sagen. Erst, wenn die Verhandlungen mit einem oder mehreren potenziellen Käufern abgeschlossen sind, herrscht in diesem Punkt Klarheit. Noch bis Freitag können Kaufinteressenten ihr Angebot für die insolvente Airline einreichen. Was Bonusmeilen und Gutscheine angeht, hat Verbraucherschützerin Richter-Britsch allerdings schon jetzt schlechte Nachrichten: „Das Vielfliegerprogramm Topbonus stellte selbst bereits Insolvenzantrag. Damit können gegenwärtig keine gesammelten Meilen mehr für Gratisflüge oder zum Einlösen von Prämien eingesetzt werden.“

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2 Kommentare zu "Kranke Piloten bei Air Berlin: Müssen die Kunden den wilden Streik ausbaden?"

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  • Ich glaube nicht das die Kd, dieses ausbaden müssen ; denn Kd wissen seit langem das es mit AB täglich zu Ende gehen kann; was schon längst hätte passieren müssen! Die Schuld an diesem ganzen Chaos ist einzig und alleine nur das " tolle " Management; die auch denken das der Kd. dumm ist oder was auch immer; und genauso ist diesen bekannt das ohne Piloten sie gar nichts machen können - denn die sind ja auch immer nicht gut behandelt. Am besten beerdigt die AB; ist für alle Beteiligten am Besten...denn sonst sieht es nach Absprache aus....Regards FRP

  • Die Geschäftsführung sollte sich von jedem ein amtsärztliches Zeugnis vorlegen lassen. Alle, die nicht wirklich krank sind, müßten eine Abmahnung erhalten.

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