Krankenhäuser
Arbeiten bis vier statt rund um die Uhr

Deutschlands Krankenhäuser kämpfen mit dem Brain-Drain. Während besonders in ostdeutschen Einrichtungen immer mehr Ärzte-Stellen vakant bleiben, suchen nach offiziellen Angaben etwa 12 000 Mediziner im Ausland ihr Glück. Besonders skandinavische Kliniken locken Ärzte mit familienfreundlichen Arbeitszeiten.

BERLIN. Nikolaus Keller, Assistenzarzt in einer Berliner Kinderklinik, reicht es. Nach der Facharztprüfung will er mit seiner Familie nach Dänemark auswandern. Dabei geht es auch ums Geld, vor allem aber um die Arbeitsbedingungen. Weil seine Klinik unterbesetzt ist, muss Keller in einem normalen Monat an fünf Tagen rund um die Uhr arbeiten. "Hier werden permanent nur Lücken gestopft", klagt der Assistenzarzt, der seinen richtigen Namen lieber für sich behalten will. Erfahrene Ärzte haben kaum Zeit für die Ausbildung, und wer sich weiterbilden oder spezialisieren will, muss das in seiner Freizeit tun. Hinzu kommen etliche unbezahlte Überstunden. Ein Zeiterfassungssystem hat Kellers Arbeitgeber wohlweislich nicht installiert.

"In Dänemark läuft das anders", so Keller. Überstunden seien dort grundsätzlich nicht erwünscht und wenn doch welche anfielen, würden sie zu 100 Prozent vergütet. Tatsächlich werben dänische Krankenhäuser in Stellenanzeigen mit einem Arbeitstag von halb acht bis vier und einer 37-Stunden-Woche.

Nach Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) arbeiteten Ende vergangenen Jahres rund 12 000 deutsche Ärzte im Ausland, knapp 1 000 mehr als im Jahr 2001. Die meisten praktizierten in den USA (2 700) und Großbritannien (2 600), gefolgt von der Schweiz (1 900). Doch sind auch die gut 700 deutschen Ärzten in Schweden und 650 in Norwegen angesichts der niedrigen Einwohnerzahl der Zielländer beachtlich.

Und es gibt Anzeichen dafür, dass das Interesse an Skandinavien wächst. So sind bei Dieter Zippert, der seit einigen Jahren als Eures-Berater deutsche Ärzte und schwedische Kliniken in Kontakt bringt, für eine Informationsveranstaltung im November bereits rund 120 Bewerbungen eingegangen. Und anders als in Großbritannien, wo deutsche Mediziner häufig als "Flying Doctors" lukrative Wochenenddienste übernehmen, um das Startkapital für die Praxis in der Heimat zusammen zu sparen, wollen sich in Schweden offenbar viele Deutsche dauerhaft niederlassen. Ein Indiz hierfür sei, dass etwa 30 der 120 Bewerbungen von Ärztepaaren stammten, von denen beide Partner nach einer Anstellung in Schweden suchten, so Zippert.

Zwar müssten auch Ärzte in Schweden viel arbeiten und Überstunden machen. "In schwedischen Kliniken ist es jedoch selbstverständlich, dass Dienst- und Schichtpläne auf familiäre Bedürfnisse abgestimmt werden", betont Zippert. Außerdem stehe Teamarbeit im Vordergrund. Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger verschiedener Fachgebiete arbeiteten eng zusammen, statt sich wie häufig aus deutschen Krankenhäusern berichtet, durch Kompetenzstreitigkeiten gegenseitig den Arbeitsalltag schwer zu machen.

Die Formalitäten für einen Wechsel nach Nordeuropa sind schnell erledigt. Einstellungsvoraussetzung ist neben der Staatsbürgerschaft eines EU-Landes die Approbation als Arzt und die Vorlage einer Unbedenklichkeitsbescheinigung. Kenntnisse der Landessprache sind erwünscht, aber keine Einstellungsvoraussetzung. In der Regel bieten Kliniken mehrwöchige Sprachkurse an und zahlen während dieser Zeit bereits ein Gehalt. Einen Neu-Arzt, der in einem Internet-Forum für Mediziner über seine Erfahrungen in Schweden berichtet, hat diese Regelung "schier vom Hocker geschmissen". Vormittags arbeite er als Arzt, nachmittags lerne er schwedisch und bekomme dafür im Monat knapp 2 000 Euro netto. Das entspricht in etwa dem tariflichen Grundgehalt eines Assistenzarztes in Deutschland für knapp 40 Arbeitsstunden pro Woche.

Allein des Geldes wegen geht daher wohl kaum ein Arzt nach Norden. Vielleicht locken tatsächlich die "sehr naturschöne Gegend" im dänischen Nordjütland oder die vielfältigen Freizeitmöglichkeiten ("Jagen, Angeln, Golf und Wintersport"), mit der die nördlich von Stockholm gelegene Provinz Gävleborg für sich wirbt, Zuwanderer aus Deutschland an. Entscheidend ist jedoch aus Sicht vieler, insbesondere jüngerer Ärzte, dass sie eine langfristige Perspektive geboten bekommen und die Kliniken einiges unternehmen, um ihre Ärzte dauerhaft an sich zu binden. Das Krankenhaus Vendsyssel in Norddänemark beispielsweise bietet Sprachkurse für die gesamte Familie und leistet Hilfestellung von der Wohnungssuche bin hin zur Überführung des Pkw aus Deutschland.

In Deutschland läuft es meist anders. An etlichen Kliniken werden Assistenzärzte mit befristeten Verträgen abgespeist, die wegen der ungewissen Haushaltslage vieler Träger nur über wenige Monate oder sogar Wochen laufen. Auch Keller weiß, dass er sich nach seiner Facharztprüfung einen neuen Arbeitgeber suchen muss. Denn als Facharzt ist er seiner Klinik zu teuer.

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