Krebswarnung der WHO
Deutschland verteidigt die Ehre seiner Wurst

Fleischkonsum erhöht die Krebsgefahr, warnt die WHO. Wurst und Schinken seien gefährlich. Die deutschen Fleischhersteller fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Was aber sagt der Verbraucher?

Düsseldorf„Wenn wir all das aus unserer Ernährung streichen würden, was die WHO als krebserregend bezeichnet, können wir zurück in die Höhlen gehen“, kommentierte der australische Agrarminister Barnaby Joyce am Dienstag die jüngste Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Deren Krebsforschungsagentur (IARC) hatte am Montag davor gewarnt, dass der regelmäßige Verzehr von Wurst, Schinken und anderem verarbeiteten Fleisch das Krebsrisiko erhöhe. Demnach gehen pro Jahr 34.000 Krebstodesfälle auf verarbeitetes und möglicherweise 50.000 auf rotes Fleisch zurück. Zum Vergleich: Das Rauchen verursacht laut IARC eine Million Krebstote pro Jahr, Alkohol 600.000 und Luftverschmutzung 200.000.

Joyce ist nicht der Einzige, dem die Studie übel aufstößt. „Niemand muss Angst haben, wenn er mal eine Bratwurst isst. Die Menschen werden zu Unrecht verunsichert, wenn man Fleisch mit Asbest oder Tabak auf eine Stufe stellt,“ sagte der deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU). Auch die deutschen Hersteller kritisieren die Studie hart. So hat der Schutzverband Schwarzwälder Schinkenhersteller der WHO eine Verunsicherung der Verbraucher vorgeworfen. Die WHO habe ihre Vorwürfe nicht mit Zahlen belegt, die Debatte sei ideologisch gefärbt, sagte Verbandschef Hans Schnekenburger. Von Schinken gehe keine Gesundheitsgefahr aus. Er könne ohne Bedenken gegessen werden.

Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie bestätigte das. „Für die Entstehung von Krebs ist sicherlich nicht ein einzelnes Lebensmittel verantwortlich, sondern auch weitere Einflussfaktoren wie die persönliche Lebensweise, erbliche Vorbelastungen oder Umwelteinflüsse.“ Andere Unternehmen wollten sich gegenüber dem Handelsblatt nicht äußern. Auch ein Sprecher des Unternehmens Tannenhof, ein Schwarzwälder-Schinken-Hersteller, wollte die Studie gegenüber dem Handelsblatt nicht kommentieren, wies aber darauf hin, dass deren Ergebnisse nicht neu seien.

Und tatsächlich: Bereits 2012 warnten Harvard-Mediziner: Wer täglich rotes Fleisch, Wurst oder Schinken isst, verkürzt seine Lebenserwartung deutlich. Es folgten diverse Studien, die einen Zusammenhang zwischen hohen Fleischkonsum und einer schweren Erkrankung sehen. Auf insgesamt 800 solcher Studien hat sich die WHO jetzt gestützt und die Erkenntnisse noch einmal bestätigt.

Genau das kritisiert der Verein Die Lebensmittelwirtschaft. Ihm fehlen „klare wissenschaftliche Beweise dafür“, dass rotes oder verarbeitetes Fleisch wirklich ursächlich krebserregend sei. „Bislang konnte nie wissenschaftlich geklärt werden, welche Inhaltsstoffe aus dem Fleisch dem Menschen schaden könnten – ob es also tatsächlich das Fleisch selbst ist, oder vielleicht doch eher die Verarbeitung durch Pökeln, Räuchern oder Fermentieren“, sagt Geschäftsführer Stephan Becker-Sonnenschein. Eine Erklärung liefere die neue WHO-Studie jedenfalls nicht.

Was bedeutet sie jetzt aber für den Verbraucher? Sollte er Fleisch ab sofort komplett vom Speiseplan verbannen? Wie die IARC selbst eingeräumt hat, ist das individuelle Risiko, Darmkrebs durch Fleischkonsum zu bekommen, relativ gering. Es steigt jedoch mit der Menge des konsumierten Fleischs. Deshalb raten Ernährungsexperten seit Jahren schon zu einer gesunden Lebensweise mit viel Bewegung, einer möglichst ausgewogenen Ernährung und einem maßvollen Fleischkonsum.

Die Gesellschaft für Ernährung empfiehlt beispielsweise, nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurstwaren pro Woche zu essen. An diesem Grundsatz rüttelt auch die Studie nicht. Ganz im Gegenteil: Laut WHO-Chef Christopher Wild bestätigte sie einmal mehr die geltenden Gesundheitsempfehlung.

Für den Verbraucher heißt das also: Entwarnung. Alles bleibt beim Alten. Oder um es mit den Worten des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zu sagen: „Alles ist Gift, nur die Dosis entscheidet die Wirkung.“

Elena Brenk-Lücke
Elena Brenk-Lücke
Handelsblatt / Volontärin
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