Kreuzfahrtdampfer

„Traumschiff“ in Not

Die Olympioniken an Bord der MS Deutschland schwenkten euphorisch die schwarz-rot-goldene Fahne. Aber unter deutscher Flagge zu segeln, das kostet Millionen. Hilfe erhofft sich das Traumschiff von der Politik.
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Das Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ bei seiner Ankunft im Hamburger Hafen. An Bord: 200 Olympioniken. Quelle: dpa

Das Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ bei seiner Ankunft im Hamburger Hafen. An Bord: 200 Olympioniken.

(Foto: dpa)

Düsseldorf/HamburgDer Geschäftsführer der Reederei Deilmann, Konstantin Bissias, hat es nicht leicht an diesen Tagen. Nicht einmal die Abfahrt von London sollte ohne Schreckensmomente enden. Als sein Schiff, die MS Deutschland, am Montag mit rund 200 Olympioniken an Bord auf ihre 455 Seemeilen weite Fahrt von London nach Hamburg stechen soll, ruft Kapitän Andreas Greulich: „Weg mit der Fahne!“ Bissias zuckt zusammen. Die Fahne? Das Thema wollte er doch endlich abgehakt wissen.

Wochenlang dominierte auf der MS Deutschland die leidliche Frage, ob das Schiff weiter unter deutscher Flagge fährt oder nicht. Und jetzt, da die Entscheidung für den teuren Standort Deutschland gefallen ist, zettelt der zweite Kapitän eine neue Revolte an? Nein. Eine Passagierin versperrte dem Kapitän beim Blick hinaus aufs Meer im Überschwang der Gefühle lediglich die Sicht mit einer großen Deutschlandfahne. Bissias atmet auf.

Rund 200 Olympioniken brachte das Schiff auf einer dreitägigen Überfahrt zurück von London nach Hamburg. Das schwimmende Grandhotel, das sein Heimatland im Namen trägt, ist das einzige Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge. Mit keinem Schiff identifizieren sich die Deutschen so sehr. Millionen Zuschauer sitzen vor den Fernsehern, wenn der Kreuzer in der TV-Serie „Traumschiff“ über die Weltmeere reist. Das Schiff steht für Sehnsüchte, heile Welt.

In letzter Zeit aber lernen die Deutschen, wie brüchig die heile Welt ist. Erst übernahm mit Aurelius 2010 ein Private-Equity-Fonds die Traumschiff-Reederei Deilmann, dann räsonierten die Geschäftsführer ausgerechnet vor Olympia über die Kostennachteile des Standorts Deutschland und kündigten an, die MS Deutschland künftig unter maltesischer Fahne fahren zu lassen. Zudem belastet eine Mischung aus hohen deutschen Lohnnebenkosten, altem Schiff und großen Altlasten die MS Deutschland. Sie kreuzt wirtschaftlich ins Ungewisse.

Konstantin Bissias sitzt mit Aurelius-Chef Dirk Markus im Vier Jahreszeiten, dem edelsten Restaurant des Schiffes und bespricht, wie es weitergehen kann. Denn deutsche Flagge, das heißt auch deutsche Löhne, deutsche Lohnnebenkosten, deutsche Urlaubsansprüche, deutsche Gebühren bis hin zur GEZ. Um diese Kosten zu sparen, wollten Bissias und seine Kollegen ab dieser Woche die MS Deutschland unter der maltesischen Flagge kreuzen lassen. Auf Malta werden keine Lohnnebenkosten fällig.

„Bei einem Schiff der Größenordnung der MS Deutschland spart sich der Reeder unter maltesischer Flagge 1,5 bis 2 Millionen Euro im Vergleich zur deutschen“, sagt Verdi-Schifffahrtsexperte Karl-Heinz Biesold. Viel Geld für ein Unternehmen, das rund 50 Millionen Euro umsetzt und bei dem die Personalkosten ein Viertel aller Ausgaben ausmachen.

Hamburg empfängt die Olympia-Helden
Deutsche Olympiateilnehmer kommen in Hamburg an
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Das „Traumschiff“ lief am Mittwoch, begleitet von rund 80 kleineren Booten, im Hafen von Hamburg ein. An Bord des „olympischen“ Schiffes: 217 der 392 Olympiastarter mit den 25 deutschen Goldmedaillengewinnern, darunter etliche Hockey-Herren und Vertreter des Ruder-Achters. Rund 10.000 Besucher säumten schon von Wedel und Blankenese an das Ufer, noch einmal 10.000 warteten seit Stunden im Hafen. Ein Hamburger Shanty-Chor in traditionellen Fischerhemden empfing die Sportler mit der deutschen Nationalhymne und norddeutschen Liedern.

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Nach gut zwei Wochen sportlicher Höchstleistungen ging's in Hamburg für die Olympia-Teilnehmer, die sich an Deck versammelt hatten und mit Fahnen winkten, mit straffem Programm – unter anderem mit Empfang im Rathaus und Autogrammstunde – weiter.

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Beim Einlaufen in den Hamburger Hafen wurde die MS Deutschland auf den letzten Metern von etwa 80 Gewerbe- und Sportbooten sowie Wasserfontänen begleitet. „Dass wir ein normales, einlaufendes Schiff in so einer Form begleiten, ist eine absolute Ausnahme“, sagte der stellvertretende Hafenkapitän Andreas Brummermann. Ihn mache es stolz, dass die Wahl auf Hamburg gefallen sei.

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Die MS Deutschland, die während der Spiele in London festgemacht hatte, wurde eigens für die Rückreise der deutschen Athleten reserviert. An Bord befanden sich neben den Aktiven, darunter der siegreiche Ruder-Achter und die Hockeymannschaft der Herren, auch Trainer, Offizielle und Freunde.

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Party an Land, Party an Bord: 10.000 begeisterte Fans begrüßten die 217 heimgereisten Olympioniken.

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Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) war einer der ersten, der die Sportler in der Hansestadt begrüßte. „Es gab viele Highlights bei den Spielen, London hat das toll gemacht“, sagte Scholz vorher im NDR-Fernsehen.

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36 Stunden dauerte die Überfahrt von London nach Hamburg, zu der der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Olympiateilnehmer, ihre Freunde und Verwandten eingeladen hatte. Die Überfahrt sei „ein Stück Belohnung für die Athleten“, sagte Michael Vesper, Generaldirektor des DOSB.

Die anderen Kreuzfahrtreedereien haben ihre Schiffe längst ausgeflaggt. Die Aida Cruises, die zur Carnival Corporation gehört, der größten Kreuzfahrtgesellschaft der Welt, fährt unter italienischer Flagge. Die Schiffe von Tui Cruises unter maltesischer, die von Phoenix unter der blau-gelb-schwarzen Flagge der Bahamas. Alle diese Länder haben günstigere Bestimmungen als Deutschland. Für Deilmann-Geschäftsführer Bissias stellte sich die Frage: Warum sollen nicht auch wir umflaggen?

Die Antwort gab die deutsche Öffentlichkeit. Der Kapitän des Schiffs protestierte, die Medien assistierten, das Volk war empört. Die MS Deutschland als MS Malta? Niemals. Bundespräsident Joachim Gauck zeigte Verständnis für den Protest, auch Innenminister Hans-Peter Friedrich, die Gewerkschaft Verdi sowieso und auch der Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Hans-Joachim Otto (FDP), nutzte die Gelegenheit, sich und sein Amt ein bisschen bekannter zu machen. Bissias und Kollegen gaben klein bei. Deswegen wehte auch gestern bei der Ankunft des Schiffes in Hamburg schwarz-rot-gold am Heck.

Die Geschichte schien wie aus der Bibel der Kapitalismuskritik: Ein Private-Equity-Fonds ruiniert eine deutsche Institution, die Öffentlichkeit begehrt auf – und alles wird gut. Doch wer genauer hinschaut, der ahnt: So schnell wird nichts gut.

Viel Charme, wenig Extras
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  • > „Da sind wieder Unternehmensfachmänner am Werk.“

    Beim Handelsblatt sind allerdings keine Fachmänner für deutsche Sprache am Werk - sonst stünde da "Fachleute".

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