Kritik an Vorstandschef Mehdorn wächst
Bahn plant milliardenschweres Sparpaket

Vorstandschef Hartmut Mehdorn ist mit seinem Ziel gescheitert, die Deutsche Bahn 2005 deutlich in die Gewinnzone zu steuern. Entgegen den bisherigen Planungen wird es dem Unternehmen auch nicht gelingen, in den kommenden vier Jahren nachhaltige Gewinne zu erzielen.

DÜSSELDORF. Stattdessen muss der bundeseigene Konzern seine mittelfristige Finanzplanung zeitlich strecken und kann wahrscheinlich erst ab 2009 mit steigenden Ergebnissen rechnen. Dies erfuhr das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen. Jetzt wolle der Vorstandschef die Bahn mit einem neuen, milliardenschweren Sparprogramm aus der Krise bringen.

Verantwortlich für das Scheitern des bisherigen Sanierungsfahrplans sind der defizitäre Personenfernverkehr und der Schienengütertransport, der ebenfalls rote Zahlen schreibt. Außerdem belasten die gestiegenen Instandhaltungskosten bei neuen Fahrzeugen wie dem ICE 3 das Ergebnis. Hinzu kommen hohe Energiekosten. Das Unternehmen wird zwar, wie von Finanzvorstand Diethelm Sack angekündigt, den im Sommer angeordneten „qualifizierten Ausgabenstopp“ im kommenden Jahr lockern. An dessen Stelle aber tritt dann ein Sparpaket, das konzernweit die Kostenstrukturen bei fast allen Bahn-Aktivitäten grundsätzlich auf den Prüfstand stellt.

Dabei nimmt Mehdorn die Zügel selbst in die Hand. Er überlässt die neuen Sparanstrengungen nicht länger den einzelnen Unternehmensbereichen. Stattdessen übernimmt die Konzernholding die Federführung. Die Optimierung der Kostenstrukturen sei ein „übergreifendes Thema“, heißt die interne Begründung für dieses Vorgehen. Das Maßnahmenpaket, das der Vorstand Informationen des Handelsblatts zufolge nach kontroversen Diskussionen einvernehmlich verabschiedet hat, betrifft ausdrücklich die Bereiche Beschaffung und Instandhaltung. Außerdem sollen die Kosten für die gesamte Bahntechnik und das Personal gesenkt werden. Darüber hinaus soll auch auf der Management-Ebene gespart werden.

In den Tarifgesprächen bei der Bahn haben Vorstand und Gewerkschaften gestern am späten Abend einen Durchbruch für Beschäftigungsgarantien bis zum Jahr 2010 erreicht. Bahnchef Mehdorn und die Spitzen der Gewerkschaften Transnet und GDBA verständigten sich in Berlin auf Eckpunkte für einen weiteren Verzicht auf Entlassungen. Im Gegenzug sollen die Arbeitskosten um 5,5 Prozent gesenkt werden.

Geplant ist, dass der Aufsichtsrat am 21. Dezember die neue Finanzplanung der Bahn absegnet. Ein Bahnsprecher wollte Einzelheiten des geplanten Maßnahmenpakets zwar nicht bestätigen. Richtig sei aber, dass der Konzern alle Einsparmöglichkeiten nutzen müsse. Für Dienstag hat der Bahn-Vorstand die Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat zu einer Informationsrunde eingeladen.

Zu den großen Problemen der Bahn zählen der Personenfernverkehr und die Gütertransporttochter Railion. Beide Bereich waren 2003 mit jeweils knapp drei Mrd. Euro am Gesamtumsatz von 28,2 Mrd. Euro beteiligt. In den vergangenen zwei Jahren hat die Bahn mit ihren Intercity- und ICE-Zügen nach dem Desaster mit dem neuen Preissystem (siehe „Mehdorns Mängelliste“) über eine halbe Mrd. Euro Verlust eingefahren – in diesem Jahr wird das Minus erneut 260 Mill. Euro betragen. Auch 2005 sind keine schwarzen Zahlen zu erwarten. Das ebenfalls defizitäre Schienengütergeschäft leidet unter dem harten Preiskampf im Transportmarkt. Die bei der Bahntochter Stinnes eingegliederte Railion könne nur überleben, wenn sie dauerhaft Geld verdiene, hat Stinnes-Vorstandschef Bernd Malmström gewarnt. Stinnes rechnet damit, dass das neue Sparpaket der Bahn bei Railion zu erheblichen „Strukturanpassungen“ führen werde. Transnet befürchtet, dass bis zu 3 000 der 22 000 Arbeitsplätze bei der Güterbahn gefährdet seien.

Mit der neuen Finanzplanung verabschiedet sich Mehdorn nach der Aufgabe seiner schnellen Börsenpläne nun auch von der geltenden Konzernstrategie „Offensive Bahn“. Danach sollten 2004 erstmals schwarze Zahlen geschrieben und ab 2005 nachhaltig Gewinne erzielt werden, die schnell Milliardenhöhe erreichen sollten. Zwar wird die Bahn wegen des Ausgabenstopps nach Einschätzung von Finanzvorstand Sack in diesem Jahr tatsächlich etwa 200 Mill. Euro Gewinn erwirtschaften. Unternehmenskreisen zufolge werden die Ergebnisse der Jahre 2005 bis einschließlich 2008 aber deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleiben. Mehdorns und Sacks Planungen sähen vor, 2008 den Gewinn bis „um weniger als 100 Mill. Euro“ an die früheren Planungen heranzuführen. Auf der obersten Konzernebene wachsen jedoch die Zweifel, ob das realistisch ist. Die Zukunftsrechnungen würden nicht mehr von allen Vorstandsmitgliedern mitgetragen, heißt es. „Konzernintern wächst die Kritik an Mehdorn“, sagte ein Manager dem Handelsblatt.

Mehdorns Mängelliste

Verschoben: Bis vor wenigen Wochen hatte Bahnchef Hartmut Mehdorn (Foto) noch behauptet, die Bahn werde 2005 das Ziel der Kapitalmarktfähigkeit erreichen. Dann werde sie dank guter Renditen interessant für Investoren sein. Nun muss er eine neue mittelfristige Finanzplanung zimmern, die dieses Ziel auf Jahre verschiebt.
Geplatzt: Das ambitionierte Ziel, den Börsengang der Bahn noch vor der Bundestagswahl 2006 in die Wege zu leiten, scheiterte bereits im September an einem Veto aus dem Bundeskanzleramt. Die Politik wollte Mehdorns Optimismus nicht mehr folgen.
Gescheitert: Die Talfahrt der Bahn begann mit dem Desaster um das vor zwei Jahren eingeführte neue Preissystem im Personenfernverkehr – schon nach wenigen Monaten musste die Bahn das System gründlich überarbeiten.

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