Landwirtschaft
Rettet „Premium“-Milch die Molkereien?

Der dramatische Preisverfall bei Milch zwingt Molkereien, neue Vermarktungswege zu suchen. Dabei kommen Produkte wie Heu- und Weidemilch in den Blick. Experten sehen großes Potenzial.

Penig/Rudolstadt Milchkrisen sind für Sirko Hornung nicht neu. 2008 war es, als sein Betrieb mit 1500 Kühen südlich von Leipzig weniger als 20 Cent je Liter bekam. Damals sorgten Proteste von Bauern, die ihre Milch in den Abfluss oder aufs Feld schütteten, für Schlagzeilen. „Uns wurde klar, dass wir vom Rohstofflieferanten zum Produzenten von Endprodukten werden müssen“, erzählt er.

Mit „uns“ meint er sich und fünf weitere Milchbauern aus Sachsen und Sachsen-Anhalt, die daraufhin ihre eigene Molkerei gründeten. Neben herkömmlicher Milch werden dort auch Heu- und Weidemilch produziert, die im Handel derzeit etwa doppelt so viel kosten wie Standardmilch. Produzenten bewerben so Milch von Kühen, die etwa nicht das ganze Jahr im Stall stehen, oder die besonderes Futter bekommen.

Angesichts des Preisverfalls bei Milch suchen Bauern und Molkereien händeringend nach neun Konzepten. Produkte wie Heu- und Weidemilch haben Potenzial, sagt Agrarökonom Achim Spiller. Er verweist auf Studien, wonach die Weidehaltung von Kühen bei Verbrauchern hoch im Kurs steht, und sie bereit sind, etwa 18 Cent mehr für solche Milch im Laden zu zahlen.

„Das ist ein guter Weg, um neue Produkte zwischen konventioneller Milch und Bio-Milch zu etablieren“, konstatiert der Fachmann von der Universität Göttingen. Die Mehrkosten für die Bauern schätzt Spiler auf einen halben bis drei Cent je Liter Milch im Vergleich zu reiner Stallhaltung, wie sie immer öfter anzutreffen ist.

In anderen Ländern sind solche Milchprodukte längst etabliert, etwa in Dänemark, Holland oder Österreich. In Deutschland seien sie bisher eine Nische, heißt es beim Milchindustrie-Verband. Zahlen zum aktuellen Marktanteil für Heu- oder Weidemilch gebe es daher nicht.

Für Ralf Hinrichs, Vorstand der Genossenschaftsmolkerei Ammerland, liegt das auch daran, dass etwa der Begriff „Weidemilch“ nicht klar definiert war. Das ist auch bei Verbraucherschützern wiederholt auf Kritik gestoßen.

Hinrichs Molkerei in der Nähe von Oldenburg in Niedersachsen habe im vergangenen Jahr rund 700 Millionen Kilogramm Weidemilch verarbeitet, aber nur etwa ein Zehntel davon entsprechend vermarkten können - hauptsächlich in Holland. Große Erwartungen setzt er daher in ein neues Label für Weidemilch-Produkte aus dem Projekt „Weideland Norddeutschland“. Ziel sei, die Weidewirtschaft zum Wohl der Tiere zu erhalten und für Bauern 5 Cent mehr je Kilogramm Milch einzunehmen.

Nach Ansicht von Wissenschaftler Spiller wird entscheidend sein, neben Trinkmilch auch andere Produkte wie Butter oder Käse aus solcher „Premium“-Milch herzustellen und mit Mehrerlös zu vertreiben.

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