Langsam entwickelt sich im Iran ein fast normaler Automarkt
Mit Folie durch den „Trafik“

Weil sich der öffentliche Nahverkehr in Teheran, abgesehen von zwei neuen U-Bahn-Linien, hauptsächlich auf oftmals altersschwache Busse stützt, bleibt den Einwohnern, die es sich leisten können, nur eines: die Anschaffung eines eigenen Autos, um die weiten Distanzen in der Millionen-Metropole zu meistern.

TEHERAN Die persische Sprache ist nicht nur reich an arabischen und französischen Vokabeln, sie kennt auch englische Entlehnungen. Eine verwenden die Teheraner besonders häufig, weil sie einen Dauerzustand beschreibt: „Trafik“, im Original „traffic“ – der Stau.

Der „Trafik“ stellt jeden Bewohner der iranischen Hauptstadt vor eine tägliche Herausforderung. Vom Rechtsanwalt bis zur Reinmachefrau, alle fluchen. Yasmin zum Beispiel: Sie muss eine zweistündige Busfahrt von einem der Vororte in den Nordwesten der Stadt auf sich nehmen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen, wo sie für umgerechnet acht Euro am Tag putzt und wischt – Normalität für viele. Die einhellige Meinung: Der „Trafik“ wird immer schlimmer.

Weil sich der öffentliche Nahverkehr, abgesehen von zwei neuen U-Bahn-Linien, hauptsächlich auf oftmals altersschwache Busse stützt, bleibt den Teheranern, die es sich leisten können, nur eines: die Anschaffung eines eigenen Autos, um die weiten Distanzen in der Millionen-Metropole zu meistern.

Die Zahl der Neuzulassungen steigt drastisch. Von den sechs Millionen Autos im Land kurven alleine drei Millionen in der Hauptstadt herum. Das ist auch eine Folge des sinkenden Steuersatzes auf den Import von Neuwagen, der inzwischen bei 100 Prozent des Anschaffungswertes liegt, sowie der zunehmenden Produktion ausländischer Marken im Land. Und immer noch übertrifft die Nachfrage weit das Angebot.

Doch die Autobauer reagieren. Nicht nur Peugeot lässt im Iran schrauben, auch Daimler-Chrysler hat vor kurzem mit der Montage der E-Klasse begonnen. Der Pride, den der koreanische Hersteller Kia gemeinsam mit dem iranischen Autobauer Saipa produziert, hat in Teheran bereits so etwas wie einen Volkswagen-Charakter. Den kleinen Viertürer gibt es schon für rund 10 000 Euro. Und selbst ein echter Volkswagen steht vor der Tür: Nahe der Stadt Bam, die immer noch von dem verheerenden Erdbeben gezeichnet ist, soll die private Kerman Automotive Industries in Lizenz den „Gol“ bauen. Der stammt aus der Golf-Familie und wird bereits in China und Brasilien montiert, von wo auch die Teile geliefert werden.

Die Tage der Peykans, der einzigen Automarke, für die sich ein iranischer Normalverdiener in den ersten zwei Jahrzehnten nach der Revolution entscheiden konnte, sind damit gezählt. Vor wenigen Jahren, als der Import von Autos noch verboten war, prägte das Vehikel das Straßenbild. Es basiert auf dem britischen Hillmann, der in den 50er Jahren im Iran montiert wurde. Am kantigen Design hat sich spätestens seit den 70er Jahren wenig geändert. Es gibt neue Peykans, die haben einen Drehzahlmesser. Und es gibt alte Peykans, die haben noch nicht mal einen Türgriff. Dafür bieten sie vom Fahrgastraum einen freien Blick auf den Motor. Nun ist mit dem stinkenden Lastesel Schluss: Die Produktion wurde eingestellt.

Trotz dieser augenscheinlichen Veränderungen haben viele Iraner beim Umgang mit ihrem Kfz nach wie vor eine eigentümliche Gewohnheit: Sie lassen die Plastikschutzfolien, die ab Werk auf Sitzen, Stoßstangen oder anderen exponierten Teilen kleben, so lange an ihrem Platz, bis sie abfallen – was lange dauern kann. Das sieht nicht gut aus und ist im Fall des Autositzes vor allem im Sommer sehr unpraktisch. Doch dahinter steht ein klares Prinzip: Die Anschaffung eines Autos stand nach der Revolution etwa auf dem Niveau des Kaufs einer Immobilie. Solch eine veritable Wertanlage musste geschützt werden.

Und tatsächlich: Wie ein guter Wein legte im Iran auch ein Auto mit den Jahren oftmals an Wert zu. Nicht ungewöhnlich war es zum Beispiel, einen zwanzig Jahre alten Toyota Corolla, gebraucht für rund tausend Euro erstanden, nach acht Jahren für 4000 Euro wieder verkaufen zu können. Das hat nun ein Ende. Auch der Iran hat jetzt fast einen normalen Automarkt. Die Folien können ab. Sie bieten schließlich auch nur wenig Schutz im „Trafik“.

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