Leben von der Hand in den Mund
Plattenbauten des Digitalzeitalters

Besucherschwund und der Trend zum Heimkino sorgen für Endzeitstimmung bei den Kinobeteibern.

DÜSSELDORF. Medienhafen Düsseldorf. Der erste sonnige Samstag seit langem, und kurz vor 20 Uhr brütet ein Grüppchen unentschlossener Filmfreunde über den Anzeigetafeln. Eile ist unnötig. Nicht nur die Auswahl ist groß im Vorzeigekino der UCI-Gruppe. Auch an Sitzplätzen besteht kein Mangel. Über 300 freie Plätze zeigt die laufend aktualisierte Bildschirmanzeige für das Comic-Spektakel „Sin City“, und auch bei „Madagascar“ steht die Anzeige zwanzig Minuten vor Beginn wie festgenagelt bei 303.

Die Luft wird dünn für eine Branche, die noch Anfang des Jahrtausends in Blütenträumen schwebte. Schon Wochen, manchmal Tage nach dem Start werden Top-Filme vor leeren Sälen gespielt. Erst am Freitag hat die Filmförderungsanstalt FFA in Berlin einen Besucherrückgang in den Kinos um 16,6 Prozent gemeldet. Dabei hatten alle gehofft, nach einem schwarzen Jahr 2004 könnte es kaum schlimmer kommen.

Szenenwechsel: Los Angeles, ein beliebiges Einkaufscenter. Im Einkaufskorb für das Wochenende landet noch schnell die DVD für den Heimkinoabend. „Sin City“ gehört hier schon zu den Topsellern. In der vergangenen Woche kletterte der Buena-Vista-Film mit über neun Millionen Dollar Umsatz aus dem Stand auf den ersten Platz der DVD-Verleih-Charts in den USA. Bei uns wird er noch vor Weihnachten in den Regalen liegen – kaum vier Monate nach Kinostart. Warum dann noch ins Kino gehen?

Der Widerstand gegen die Praxis der Studios, die Filme so kurz nach dem Start als DVD herauszubringen, formiert sich langsam und zaghaft. Deutschland ist das Land mit den höchsten Kino-Filmmieten weltweit, über 50 Prozent des Kartenerlöses verlangen die großen Studios. Murrend wurde bezahlt, solange die Besucher kamen und mit Popcorn und Cola genug verdient wurde. Aber das ist vorbei. Die gläsernen Kinopaläste sind die Plattenbauten des Digitalzeitalters.

In Lübeck startete die angeschlagene Kinokette Cinestar/Ufa jetzt die Meuterei gegen Hollywood: Sie zeigt den Disney-Film „Madagascar“ nicht. Die Amerikaner konterten und mieteten eine Halle, um selber den Film aufzuführen. Notkino auf Klappstühlen. Bei „Sin City“ einigten sich gar Cinestar, Cinemaxx und die UCI-Kette auf einen Boykott.

Als die United Cinema International, kurz UCI, noch im Besitz großer Filmstudios war, waren ihre Kinos der Fels in der Brandung. Ein Aufmucken gegen die Konditionen der Studios gab es nicht, dafür standen die Filmmultis auch für die Ergebnisse gerade. Jetzt gehört UCI einer Investorengruppe, und Rücksichtnahme ist passé. Und die Teilnahme ausgerechnet von UCI an der Meuterei hat bei den einstigen Besitzern offenbar Eindruck gemacht: Disney kehrte an den Verhandlungstisch zurück, und der Film lief pünktlich an. Über die Konditionen herrscht Stillschweigen. Leben von der Hand in den Mund.

Wie es langfristig weitergeht, wagt kaum einer zu prognostizieren. Riesige Flachfernseher fürs Heimkino sind der Verkaufsrenner 2005, und bald werden neue, hochauflösenden DVDs mit Bildern in Kinoqualität bei den Händlern liegen. Spätestens dann muss man das Wort „Heimkino“ wirklich wörtlich nehmen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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