Liberalisierung der Verkehrsbetriebe kommt durch Übernahmen und Beteiligungen voran
Finanznot der Kommunen treibt Fusionskarussell im Nahverkehr

Städten und Kreisen geht das Geld für Busse und Bahnen aus. Die Finanznot lässt Kämmerer nach potenten Partnern für ihre Verkehrsbetriebe Ausschau halten. Nach Einschätzung von Fachleuten werden sich in einigen Jahren nur noch wenige Player große Teile des Marktes für Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) mit einem Gesamtvolumen von etwa 15 Mrd. Euro teilen.

DÜSSELDORF. Vor allem auf dem flachen Land werden die Karten neu gemischt. Einer der eifrigsten Spieler ist die Deutsche Bahn AG. Gezielt kauft sie sich in kommunale oder private Busgesellschaften ein. Die Nahverkehrstochter DB Regio setzte 2002 allein mit ihren 17 Busgesellschaften mehr als 1 Mrd. Euro um und machte einen bescheidenen Gewinn. DB-Regio-Vorstandschef Ulrich Homburg will mit seinen Bussen in ein paar Jahren von heute 8 % auf 20 % Marktanteil kommen.

In den ländlichen Regionen tummelt sich auch Rhenus-Keolis – eine Tochter der zur Rethmann-Gruppe gehörenden Rhenus AG und des französischen Nahverkehrsunternehmens Keolis S.A., an dem die französische Staatsbahn SNCF 49 % hält. Erst vor wenigen Wochen übernahm Rhenus-Keolis einen Busunternehmer im Westerwald sowie die Stadtverkehrsgesellschaften in Bad Kreuznach und Zweibrücken. In Rheinland-Pfalz sieht sich Geschäftsführer Olaf Hornfeck bereits als „Marktführer unter den Privaten“ – mit 700 Mitarbeitern, 430 Bussen und 50 Mill. Euro Umsatz. Auch in Westsachsen hat er den Fuß in der Tür: „Eine Keimzelle, um weiter zu wachsen.“

Ende Juli hatte der Europäische Gerichtshof die lang ersehnten Spielregeln für den ÖPNV-Markt festgelegt. Wichtigster Punkt aus Sicht der kommunalen Betriebe: Zuschüsse aus dem Stadtsäckel zum Ausgleich von Defiziten werden nicht – wie schon befürchtet worden war – mit dem Bann der verbotenen Beihilfe belegt.

Die großen Player halten den Einfluss des Urteils auf die weitere Marktentwicklung dennoch für gering. Viel entscheidender sei die Mittelknappheit der Kommunen. „Die Frage der dauerhaften Finanzierbarkeit des ÖPNV wird immer wichtiger“, urteilt DB-Vorstand Homburg. Denn während für den Schienennahverkehr Jahr für Jahr gesetzlich festgeschriebene Bundesmilliarden über die Länder verteilt werden, haben die Städte und Kreise keine so gut sprudelnde Quelle.

Rhenus-Keolis-Mann Hornfeck ist sich sicher, dass die privaten Unternehmen deshalb bei den Kommunen gut im Rennen liegen: Frei von lokalen und politischen Zwängen böten sie einfach mehr ÖPNV fürs Geld und nähmen den Kommunen das wirtschaftliche Risiko ab.

Branchenbeobachter Robert Seiter von der Beratungsfirma Ernst & Young stimmt zu. Treiber der Privatisierung im ÖPNV sei „die pure Budget-Not“. Die Marktöffnung komme schleichend: Es werden einfach Verkehrsbetriebe mit Konzessionen für Buslinien übernommen. In einer ÖPNV-Marktstudie zählte Seiter in Deutschland in den letzten zwei Jahren 30 solcher Transaktionen.

Nicht immer geben die kommunalen Verkehrsunternehmer kampflos auf. Günter Elste, Vorstand der Hamburger Hochbahn AG (HHA), will selbst „National Player“ werden. Die HHA wächst beständig im Schienen- und im Busverkehr durch Beteiligungen und Übernahmen. Auch bei den Verkehrsbetrieben in Kiel und Lübeck sitzt Elste mit am Steuer. Berater Seiter zählt die HHA zu den zwei, drei deutschen Konzernen, die künftig an der Spitze mitmischen.

Im Ruhrgebiet formiert sich aus den Verkehrsbetrieben der Städte Mülheim, Essen und Oberhausen die Meoline GmbH – mit anspruchsvollen Zielen. Ziehvater Wolfgang Meyer, Vorstandschef der Essener Verkehrs-AG, spricht von einem „Systemhaus für Mobilität“. Über Nahverkehrsleistungen hinaus soll das Know-how mit Dienstleistungen vom Flottenmanagement bis zur Content- Lieferung für künftige UMTS- Dienste zusätzliche Erträge bringen. Gesucht werden dafür Partner an anderen Standorten. „Wir führen konkrete Gespräche in fast jedem Bundesland“, sagt Meyers Sprecher und sieht das Thema Finanznot der Gemeinden von der anderen Seite: „Wir sorgen dafür, dass Shareholder Value in die Kassen der Kommunen kommt.“

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