Lufthansa
So schön kann Streik doch sein

Flug LH 264. 29. Juli. Abflugzeit: 20:30. Während des Tages aus dem Büro immer mal wieder flugs auf der Homepage der Lufthansa gelandet und den Flugstatus gecheckt. Ein blau unterlegtes Feld "Aktuelle Informationen zum Verdi-Streik" weist den Weg. LH 264, Düsseldorf-Berlin/Tegel. Boardingzeit: 20:00. "Status: pünktlich." Ob Lufthansa da nicht zu viel verspricht?

DÜSSELDORF/BERLIN. Am Flughafen Düsseldorf angekommen - in der Lufthansa-Ecke ist es fast gespenstig ruhig. Viele scheinen den blau unterlegten Feldern im Internet oder den Hotlines nicht getraut zu haben, sind auf Air Berlin, die Bahn umgestiegen oder einfach zuhause oder im Büro geblieben. Das Check in verweist, der Koffer ruckzuck eingecheckt. Zu herrlich, um wahr zu sein. War ich zu gutgläubig? "Alles planmäßig?", frage ich die Lufthanseatin im blau-gelben Dress hinter dem Schalter. "Alles planmäßig!", antwortet diese und grinst. "Gate A70 - bitte gehen Sie direkt durch, wir heben pünktlich ab." Aus dem Augenwinkel sehe ich noch das Flipchart, auf dem in krakeliger Schrift mit Edding die annullierten Flüge stehen. Es ist ein gutes Dutzend, vor allem die Strecke Düsseldorf-München. Meiner ist nicht dabei.

Die Sicherheitskontrolle vor dem Lufthansa - und Star-Alliance-Terminal A. Es sind mehr Schalter offen als Passagiere im Anmarsch. Zustände wie sonst nur im First-Class-Terminal in Frankfurt. Keine Schlangen. Keine Warterei. Das Personal entspannt und freundlich. Nach 20 Sekunden ist der Laptop aus- und wieder eingepackt, der Gürtel aus- und wiedereingefädelt, die Schleuse passiert, der Hampelmann gemacht; hat der Sensor ausgekitzelt.

Streik - wo bist du?

Boarding 20:00 Uhr. Um zehn nach acht Uhr geht das grüne Lämpchen an, ich springe auf. Unnötiger Aktivismus. Gedrängel gibt es nicht. Wir sind zu wenige. Ein privater Jet würde fast reichen. Bei der Bordkontrolle gibt es heute nicht nur ein freundliches Lächeln, sondern auch noch eine Halbliterflasche Cola oder ein Tetrapak stilles Wasser. Marke Joyce Aqua. Ein Päckchen wie früher von Mutter zum Schulausflug? Keine schlechte Idee und allemal besser als das Plastikbecherchen a 0,15 Liter, das die Stewardessen sonst mit der Saftschuppse bringen und das als Tomatensaft bei Turbulenzen gerne mal über das Notizbuch schwappt. Getränke beim Einsteigen ausgeben, weil das Catering streikt - könnte gängige Praxis werden. Im Flugzeug ist Platz en masse. Allein in der Sechserreihe. Was will frau mit Laptop, Handtasche und einem Stapel Zeitungen mehr?

Der Countdown läuft. Schafft LH 264 on time abzuheben? Ja! Um 20:28 Uhr klappt das Fahrwerk ein - und Kapitän Möller gibt Vollgas. Sein Ziel, die kurz vorher gestartete, mit übervorsichtigen Umbuchern voll besetzte Maschine von Air Berlin, einzuholen. Er schafft es. Gegen 21 Uhr die Durchsage, die für Erheiterung sorgt und die zum Teil im Gang stehenden Passagieren an die Fenster treibt. "Die Maschine von Air Berlin ist in Düsseldorf vor uns gestartet, aber ich versichere Ihnen, sie wird in Berlin-Tegel nach uns landen. Wir überholen gerade." Um 21:22 Uhr drückt Kapitän Möller das Fahrwerk auf die Berliner Piste. Überpünktlich. 13 Minuten VOR der planmäßigen Landung.

Letzte Hürde: die Kofferausgabe. Schließlich streikt das Bodenpersonal und soll der Flughafen Berlin heute eine Streikhochburg sein. Nach fünf Minuten ruckt das Band, nach acht Minuten rattert der Koffer heran. Den von Konkurrenten wie Air Berlin zu Feindschaftspreisen verpflichteten Mitarbeitern sei Dank. Lufthansa lässt sich den Arbeitskampf auch am zweiten Streiktag was kosten. So schön kann Streik sein - für den Passagier.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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