Lufthansa-Streik

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Der längste Streik in der Geschichte der Lufthansa läuft an: Er ist das gute Recht der Arbeitnehmer, doch ist er noch verhältnismäßig? Wenn sie so weitermachen, können die Flugbegleiter nur verlieren. Ein Kommentar.
Update: 06.11.2015 - 12:48 Uhr 8 Kommentare
Zweifel am Streik sind angebracht. Quelle: imago stock&peopleimago
Flugbegleiterin der Lufthansa

Zweifel am Streik sind angebracht.

(Foto: imago stock&peopleimago)

Gut, er hat wieder und wieder verhandelt, hat sogar schon einmal einen fast schon beschlossenen Streik in letzter Minute abgesagt und ist wieder an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Und klar, einem Gewerkschaftsführer wie Nicoley Baublies, Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo, darf in komplexen und schwierigen Tarifverhandlungen auch durchaus mal der Kragen platzen. Richtig ist eh, dass Streik das gute Recht von Arbeitnehmern ist, um ihre Ziele durchzusetzen. Doch wissen die Ufo-Funktionäre wirklich noch, was sie tun? Zweifel sind angebracht.

Acht Tage wollen die Flugbegleiter von Europas größter Fluggesellschaft streiken. Okay, es werden wohl sieben werden, schließlich soll die Arbeit an diesem Sonntag nicht niedergelegt werden. Aber sonst hat der längste Streik in der Geschichte der Lufthansa alle Attribute eines finalen Kampfes, mit dem das Management endgültig in die Knie gezwungen werden soll. Die Dauer, die Tatsache, dass die Streikziele erst kurz vorher bekannt gegeben werden, die Folge, dass weder Lufthansa noch die Fluggäste sich wirklich auf die Folgen einstellen können – das alles ist dramatisch.

Jens Koenen ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte. Quelle: Pablo Castagnola
Der Autor

Jens Koenen ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte.

(Foto: Pablo Castagnola)

Die juristisch bedeutsame Frage drängt sich geradezu auf, ob das noch verhältnismäßig ist. Man darf gespannt sein, ob Lufthansa sie stellen wird vor Gericht. Bislang haben sich Arbeitsrichter schwer damit getan, einen Streik wegen Unverhältnismäßigkeit zu verbieten. Selbst die wochenlangen Arbeitsniederlegungen in den Kitas sind daran nicht gescheitert.

Jenseits solcher juristischen Diskussionen ist sowieso die Frage viel entscheidender, was sich Ufo von dem gewaltigen Arbeitskampf verspricht. Dass die Altersversorgung umgestellt werden muss, ist unstrittig. Lufthansa ist hier schon jetzt ein Spätzünder im Vergleich mit anderen Dax-Firmen.

Will man für das bestehende Personal den Status Quo halten, trifft die Umstellung zwangsläufig vor allem die kommende Generation der Flugbegleiter. Will man dagegen beide Gruppen gleichstellen, müssen alle verzichten. Das sind die Alternativen. Und selbst ein noch so langer Streik wird daran nichts ändern.

Je länger sich die Auseinandersetzung aber hinzieht, desto mehr läuft Ufo Gefahr, dass das Gesamtergebnis kleiner ausfällt. Denn auch das Management steht unter Druck – unter Handlungsdruck. Der Wettbewerb ist gewaltig, zehrt an den Margen des Konzerns. Nur der billige Treibstoff und die Währung sorgt derzeit für Entspannung, aber wie lange noch?

Ohne Einigung in der Sache bleibt dem Management deshalb nur ein Ausweg. Der Konzern wird in der Kernmarke Lufthansa keine neuen Flugbegleiter mehr einstellen. Ufo-Chef Baublies hat diese Ankündigung als „Drohung“ tituliert, aber am Ende ist sie nichts weiter als eine schlichte Kausalität. Wenn aber die Kernmarke Lufthansa noch stärker als bislang schon schrumpft und gleichzeitig die Billigplattform Eurowings stärker wächst, hat eine Berufsgruppe am wenigsten gewonnen: die Flugbegleiter von Lufthansa Klassik – die jetzigen und die künftigen.

Essen und Getränke – nach drei Stunden Wartezeit
Wer hat überhaupt Anspruch auf Entschädigungen?
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Grundsätzlich gibt es nur dann Geld, wenn die Fluggesellschaft für die Verspätungen, Umbuchungen oder Flugannullierungen selbst verantwortlich ist. Beispiele sind etwa technische Probleme oder Schwierigkeiten, rechtzeitig Crews vor Ort zu schaffen.

Welche Ausnahmen gibt es?
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Doch nicht für alles können die Airlines in die Pflicht genommen werden. Kein Anspruch auf Entschädigung besteht etwa bei Streiks oder Verzögerungen durch Wetter oder Beeinträchtigungen etwa durch Vulkanasche.

Was ist im Winter?
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Vorhersehbare Folgen der Witterung, auf die Airline reagieren kann, setzen die Fluggastrechte nicht außer Kraft. Kommt es zum Beispiel bei der Enteisung der Maschinen zu Verzögerungen, müssen die Fluggesellschaften zahlen.

Wie viel Geld gibt es?
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Die Höhe der Entschädigung richtet sich nach der Strecke, die geflogen wird. Das meiste Geld gibt es bei Langstrecken ab 3500 Kilometern. Dann kann der Fluggast 600 Euro fordern. Bei Strecken zwischen 1500 und 3500 Kilometern werden 400 Euro fällig, darunter 200 Euro.

Welche Rolle spielt die Dauer der Verspätung?
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In allen Fällen gilt: Geld gibt es erst dann, wenn die Verspätung mindestens drei Stunden beträgt.

Was ist, wenn die Fluggesellschaft nicht verantwortlich ist?
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Auch bei Verspätungen etwa wegen des Wetters oder wegen eines Streiks haben bestimmte Fluggäste Rechte. So müssen sie ausreichend mit Essen und Getränken versorgt werden. Zudem haben sie das Recht auf ein kostenloses Telefonat. Bei sehr langen Wartezeiten muss sogar eine Hotelübernachtung gestellt werden.

Wann gibt es in diesen Fällen Hilfe?
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Die genannte Unterstützung richtet sich nach der Flugstrecke und der Dauer der Verspätung. Die Regel greift bei Kurzstrecken unter 1500 Kilometern erst ab einer Wartezeit von zwei Stunden, zwischen 1500 bis 3500 Kilometern ab drei Stunden und bei noch längeren Flügen nach vier Stunden.

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8 Kommentare zu "Lufthansa-Streik: Denn sie wissen nicht, was sie tun"

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  • Schön das durch die Streiks öffentlich wird wie hoch die Löhne und Gehälter bei der Lufthansa sind. Persönlich sehe ich die Bezahlung dort als zu hoch an und fliege mit dem Wettbewerb.

  • Das UFO-Personal hat die Zeichen der Zeit (Etihad, Emirates als Konkurrenz) ebensowenig erkannt wie die Piloten. Der Streik hat starke selbstzerstörerische Elemente.

  • Das, was Sie hier ansprechen ist grundsätzlich richtig. Nur wenige Ökonomen, wie Rainer Flaßbeck, weisen immer wieder darauf hin, daß das Lohn- und Gehaltsniveau in Deutschland schon seit Jahren auf einem viel zu niedrigen Niveau vor sich hindümpelt und daher auch die Binnenkonjunktur nicht in die Gänge kommt. Das ist aber kein Problem, daß Lufthansa zu verantworten hat. Dieses "Prinzip" wird seit der Ära Schröder mit Vehemenz von den obersten politischen Rigen wie ein unumstößliches Dogma verfolgt. --- Was bei der Lufthansa gschieht, wird leider schon seit Jahren auf dem Rücken der Kunden ausgetragen, die nichts, aber auch gar nichts dafür können. Immer mehr, auch sehr wchtige Kunden, kehren dem Konzern den Rücken. Das kann nicht die Lösung sein.

  • Es geht beim Streit mit UFO nicht um Gehälter sondern um die Altersversorgung :

    "Verdi habe vorgeschlagen, dass Lufthansa für jeden Beschäftigten 6,2 Prozent der Bruttovergütung in die betriebliche Altersversorgung einzahle und dies mit einem Garantiezins von 3,5 Prozent versehe."

    Wer rechnen kann soll jetzt rechnen.

  • Ich nehme hier mal die sozialistisch-verträumte Gegenposition ein und sage, dass das Problem nicht die Lufthansa-Flugbegleiter sind, nicht einmal das Lufthansa-Management, auch wenn es sicher, wie eigentlich immer und wie es ja auch schon die Jobbeschreibung sagt, die Verantwortung für die Situation tragen.

    Aber wie sagte schon Pispers so schön, die Leute, die sich für das Tragen der Verantwortung gut bezahlen lassen, tun sich meist sehr schwer damit, die Verantwortung zu übernehmen, wenn es darauf ankommt - und müssen dann meist im Nachhinein zur Verantwortung gezogen werden.

    Um auf meinen eigentlich Punkt zurückzukommen:
    Ja, leider ist es verträumt-sozialistisch, wenn man sagt, dass die Gehälter der Flugbegleiter bei der Lufthansa angemessen sind - und die bei den anderen Airlines eben nicht.
    Natürlich ist es verträumt-sozialistisch, wenn man darauf hinweist, dass das, was "der Markt" in den letzten 30 Jahren mit den Durchschnittsgehältern gemacht hat, eine Katastrophe ist, deren Auswirkungen wir gesamtgesellschaftlich erst in Ansätzen spüren - und das geschieht nicht mangels wachsender Produktivität, die wächst schön linear seit Jahren mit ca. 7%.

    Warum die Löhne nicht? Weil die verträumten Sozen von den Managern dieser Welt zu Spinnern deklariert wurden. Wer heute in Deutschland den Tariflohn einer Branche um 3% erhöhen will, weniger als die Hälfte des Produktivitätszuwachses, muss sich trotzdem runterhandeln lassen oder das über 2 Jahre strecken. Die Berichterstattung in Deutschland dazu ist übrigens grundsätzlich ein Witz, immer, wirklich IMMER werden die Zuwächse in Prozent angegeben - für den Gesamtzeitraum, den man lieber verschweigt. Sonst würden ja mehr Leute merken, was hier eigentlich läuft.

    Wer es wagt und 5% fordert, wird gar nicht erst ernst genommen, und zwar vom ganzen Land nicht. So kaputt und blöde sind wir hier.

    Aber klar, hackt noch ein wenig auf Leuten rum, die für Arbeit bezahlt werden wollen - dann überwinden wir das auch noch.

  • Zum Glück gibt es ja (noch) die Air Berlin!

  • Es ist spannend, wie sich unsere DAX Unternehmen spielerisch selbst zerlegen.
    Das ursprüngliche Kerngeschäft des Geldverdienens ist vermutlich ist nicht mehr lukrativ genug; in der Zerstörung liegt die Kraft. Schafft es das Management nicht ( Deutsche Bank; Siemens Commerzbank, EON, RWE ), dann mit Sicherheit die Belegschaft ( VW, Lufthansa ).
    Weiter so, dann wird das jeweilige Rumpfgeschäft vom Ausland aufgekauft, privatisiert, zerlegt und letztlich eingestampft. Viel Vergnügen dabei !

  • Viel Lärm um nichts.

    Als Aktionär fliege ich seit Beginn des neuen LH Streikzeitalters einfach bei der Konkurrenz. Und bin begeistert. Neues Fluggerät. Besserer Service. Freundlicheres Personal. Schade um die Marke Lufthansa. Die Aktien habe ich abgeschrieben. Mit Streikhanseln bleibt ein Unternehmen selten erfolgreich. Lasst sie streiken, bis sie umfallen!

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