Lufthansa-Streik
Denn sie wissen nicht, was sie tun

Der längste Streik in der Geschichte der Lufthansa läuft an: Er ist das gute Recht der Arbeitnehmer, doch ist er noch verhältnismäßig? Wenn sie so weitermachen, können die Flugbegleiter nur verlieren. Ein Kommentar.
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Gut, er hat wieder und wieder verhandelt, hat sogar schon einmal einen fast schon beschlossenen Streik in letzter Minute abgesagt und ist wieder an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Und klar, einem Gewerkschaftsführer wie Nicoley Baublies, Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo, darf in komplexen und schwierigen Tarifverhandlungen auch durchaus mal der Kragen platzen. Richtig ist eh, dass Streik das gute Recht von Arbeitnehmern ist, um ihre Ziele durchzusetzen. Doch wissen die Ufo-Funktionäre wirklich noch, was sie tun? Zweifel sind angebracht.

Acht Tage wollen die Flugbegleiter von Europas größter Fluggesellschaft streiken. Okay, es werden wohl sieben werden, schließlich soll die Arbeit an diesem Sonntag nicht niedergelegt werden. Aber sonst hat der längste Streik in der Geschichte der Lufthansa alle Attribute eines finalen Kampfes, mit dem das Management endgültig in die Knie gezwungen werden soll. Die Dauer, die Tatsache, dass die Streikziele erst kurz vorher bekannt gegeben werden, die Folge, dass weder Lufthansa noch die Fluggäste sich wirklich auf die Folgen einstellen können – das alles ist dramatisch.

Die juristisch bedeutsame Frage drängt sich geradezu auf, ob das noch verhältnismäßig ist. Man darf gespannt sein, ob Lufthansa sie stellen wird vor Gericht. Bislang haben sich Arbeitsrichter schwer damit getan, einen Streik wegen Unverhältnismäßigkeit zu verbieten. Selbst die wochenlangen Arbeitsniederlegungen in den Kitas sind daran nicht gescheitert.

Jenseits solcher juristischen Diskussionen ist sowieso die Frage viel entscheidender, was sich Ufo von dem gewaltigen Arbeitskampf verspricht. Dass die Altersversorgung umgestellt werden muss, ist unstrittig. Lufthansa ist hier schon jetzt ein Spätzünder im Vergleich mit anderen Dax-Firmen.

Will man für das bestehende Personal den Status Quo halten, trifft die Umstellung zwangsläufig vor allem die kommende Generation der Flugbegleiter. Will man dagegen beide Gruppen gleichstellen, müssen alle verzichten. Das sind die Alternativen. Und selbst ein noch so langer Streik wird daran nichts ändern.

Je länger sich die Auseinandersetzung aber hinzieht, desto mehr läuft Ufo Gefahr, dass das Gesamtergebnis kleiner ausfällt. Denn auch das Management steht unter Druck – unter Handlungsdruck. Der Wettbewerb ist gewaltig, zehrt an den Margen des Konzerns. Nur der billige Treibstoff und die Währung sorgt derzeit für Entspannung, aber wie lange noch?

Ohne Einigung in der Sache bleibt dem Management deshalb nur ein Ausweg. Der Konzern wird in der Kernmarke Lufthansa keine neuen Flugbegleiter mehr einstellen. Ufo-Chef Baublies hat diese Ankündigung als „Drohung“ tituliert, aber am Ende ist sie nichts weiter als eine schlichte Kausalität. Wenn aber die Kernmarke Lufthansa noch stärker als bislang schon schrumpft und gleichzeitig die Billigplattform Eurowings stärker wächst, hat eine Berufsgruppe am wenigsten gewonnen: die Flugbegleiter von Lufthansa Klassik – die jetzigen und die künftigen.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

Kommentare zu " Lufthansa-Streik: Denn sie wissen nicht, was sie tun"

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  • Schön das durch die Streiks öffentlich wird wie hoch die Löhne und Gehälter bei der Lufthansa sind. Persönlich sehe ich die Bezahlung dort als zu hoch an und fliege mit dem Wettbewerb.

  • Das UFO-Personal hat die Zeichen der Zeit (Etihad, Emirates als Konkurrenz) ebensowenig erkannt wie die Piloten. Der Streik hat starke selbstzerstörerische Elemente.

  • Das, was Sie hier ansprechen ist grundsätzlich richtig. Nur wenige Ökonomen, wie Rainer Flaßbeck, weisen immer wieder darauf hin, daß das Lohn- und Gehaltsniveau in Deutschland schon seit Jahren auf einem viel zu niedrigen Niveau vor sich hindümpelt und daher auch die Binnenkonjunktur nicht in die Gänge kommt. Das ist aber kein Problem, daß Lufthansa zu verantworten hat. Dieses "Prinzip" wird seit der Ära Schröder mit Vehemenz von den obersten politischen Rigen wie ein unumstößliches Dogma verfolgt. --- Was bei der Lufthansa gschieht, wird leider schon seit Jahren auf dem Rücken der Kunden ausgetragen, die nichts, aber auch gar nichts dafür können. Immer mehr, auch sehr wchtige Kunden, kehren dem Konzern den Rücken. Das kann nicht die Lösung sein.

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