Lufthansa-Tarifkonflikt
Kapitalismus gegen Mensch

Lufthansa will sparen, die Piloten ihre Privilegien verteidigen. Für beide muss man Verständnis haben. Doch beide sind mächtig, beide haben keine Not, von ihrer Rolle abzurücken. Ein Ende des Streits ist nicht in Sicht.
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Das Argument der Piloten ist immer: die Sicherheit, die Sicherheit. Ein Pilot müsse die Möglichkeit haben, in den Ruhestand zu gehen, wenn er sich nicht mehr fit fühlt – damit er keine Menschenleben gefährde. Deswegen wollen die Flugkapitäne ihre Ansprüche auf Frührente nicht aufgeben, deswegen streiken sie, so sagen sie.

Wenn die Streikenden ehrlich wären, müssten sie sagen: Wir sehen es gar nicht ein, finanziell zurückzustecken.

Am Ende geht es bei der Lufthansa auch um einen grundsätzlichen Streit um die Ausrichtung des Unternehmens auf mehr Billigangebote – klar, dass das den Mitarbeitern nicht passt, wenn wir ehrlich sind, würden Sie und ich uns auch gegen solch einen Einschnitt wehren. Dass Unternehmenschef Carsten Spohr standhaft bleibt, ist erstaunlich – sein Leben könnte wesentlich einfacher sein, wenn er nur bei dem weniger mächtigen Teil der Belegschaft kürzen würde. Stattdessen greift er auch bei den privilegierten Mitarbeitern des Unternehmens an.

Die versuchen damit zu argumentieren, dass sie nur das Wohl ihrer Passagiere im Kopf haben. Doch das Sicherheitsargument hinkt gewaltig. Wer sich in Deutschland nicht mehr fähig fühlt, seinen Beruf auszuüben, wird vom sozialen Sicherungssystem aufgefangen. Wer es sich leisten kann – und Piloten können es sich leisten – sorgt zusätzlich selbst vor.

Welcher Berufsstand hat schon ein solches Privileg, dann zu gehen, wenn ihm nicht mehr nach Arbeiten ist? Der Krankenpfleger nicht, der täglich die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Patienten hat, Busfahrer und Lokführer nicht, die täglich hunderte Menschen hin- und herfahren. Und die können noch nicht einmal selbst vorsorgen, weil ihr Gehalt oft gerade mal dazu reicht, ihr Leben im Hier und Jetzt zu finanzieren.
Wenn die Piloten ehrlich wären, würden sie sagen: Unsere Motive sind rein egoistisch. Rational sind sie dagegen nicht, denn am Ende schaden sie dem Unternehmen, dass sie bezahlt.

Carsten Spohr ist seine Strategie nicht vorzuwerfen. Er handelt so, wie es sich für den Chef eines Dax-Unternehmens gehört: Kurs auf Gewinnmaximierung. Finanziell kann er sich den Streit mit den Piloten noch leisten – trotz der üppigen Streiks hat die Airline im vergangenen Jahr erneut die Marke von 100 Millionen Passagieren übertroffen. 2014 steigerte das Unternehmen die Zahl seiner Fluggäste um 1,3 Prozent auf 106 Millionen.
Aufpassen muss der Lufthansa-Chef aber auf das Image der Fluglinie. Zwar haben bei dem letzten Streik laut Unternehmensangaben 80 Prozent der Passagiere trotz des Arbeitsausstandes ihr Ziel erreicht – doch die 20 Prozent, die von der Lufthansa enttäuscht wurden, sind 20 Prozent zu viel.

Die Situation ist verzwickt: Zwei mächtige Egoisten stehen sich gegenüber. Leidtragende sind die unbeteiligten Dritten. Und ich habe wenig Hoffnung, dass sich diese Situation in absehbarer Zeit ändert.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.
Dana Heide
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • Ich kann erstens mich nur meinen Vorrednern anschließen was die Frage ihrer Recherche angeht. Sie haben offensichtlich die Unterschiede zwischen einer Übergangsversorgung, einem Lizenzverlust und dem sozialen Sicherungssystem nicht ganz richtig durchgedacht. Man muss sich wenn man das Thema Sicherheit als ein fälschlich angeführtes anprangert, doch auch mal die Frage gestellt haben, warum ein LKW Fahrer eine deutlich geringere Fahrtzeit am Stück haben darf als ein Pilot und wie sich dann ein Szenario im Anflug bei schlechtem Wetter und nach 18 Stunden Flug so darstellt unter Sicherheitsaspekten. Sie stellen die Piloten als privilegiert dar und finden Herrn Spohrs Strategie als nachvollziehbar. Da muss man sich doch sehr wundern wenn für sie Arbeitnehmerrechte die tariflich ausgehandelt wurden nur privilegiert sind weil bei allen anderen Arbeitnehmern schon alles genommen wurde und zwar von Managern die einem Wirtschaftssystem huldigen, welches uns global Finanzkrisen, Staatsbankrotte und Existenzverluste beschert. Viele führende Wirtschaftler haben mittlerweile begriffen dass die klassische Wirtschaftstheorie auf einer Exponentialfunktion beruht die Unendlichkeit in einer endlichen Welt verlangt und dass diese Weg ins Chaos führt. Die Manager der Lufthansa glauben sich vor der Wahrheit verschließen zu können und machen einfach weiter wie bisher. Der wahre Kern dieser Auseinandersetzung ist der, den sie in ihrer Überschrift treffend formuliert haben. Der wirtschaftliche Wert eines Menschen und Mitarbeiters ist etwas, was in keiner Bilanz auftaucht. Das sollte es aber. Tom Peters auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat es treffend formuliert, als er die Fehler der Southwest Airlines analysierte. Doch die LH- Manager wollen nichts lernen. Sie wollen 8% Rendite. Das ist alles was sie interessiert. Denn einen Zukunftsplan für die Kernmarke Lufthansa vermisst man schmerzlich in all ihren Strategien. Pressefreiheit heißt auch wahre Hintergründe zu publizieren.

  • Serh geehrte Frau Heide,

  • Nachtrag: das "soziale Sicherungssystem" fängt keinen Piloten auf, der mit z.B. 58 Jahren die extrem schweren Simulatorchecks nicht mehr besteht. Dieser Pilot ist ja deswegen weder krank, noch fluguntauglich. Er wird nach 2maligem Versagen einfach fristlos gekündigt und muss selbst sehen, wie er die Zeit bis zur Rente überbrückt. Auch dafür ist aktuell die Übergangsversorgung "sein soziales Sicherungssystem" und die will Herr Spohr ihm nun nehmen!

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