Mangelware Brummi-Fahrer

Es wird zu still auf deutschen Straßen

Maue Bezahlung, knappe Freizeit: Die Arbeit des Fernfahrers klingt wenig attraktiv. Die Rache bekommen die Auftraggeber wohl bald zu spüren – denn die Zahl der neuen Brummi-Fahrer ist massiv zu niedrig.
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Werbefilme auf Facebook sollen den Fernfahrerjob für Jugendliche attraktiver machen. Quelle: dpa

Werbefilme auf Facebook sollen den Fernfahrerjob für Jugendliche attraktiver machen.

(Foto: dpa)

BerlinLaderampen von Lidl oder Aldi sind nur etwas für Brummifahrer mit starkem Selbstwertgefühl. Verspätungen quittieren die Betreiber der Discounter mit langen Wartezeiten. Und wer von den Fahrern den Waschraum aufzusuchen gedenkt, wird nicht selten mit Verweis auf die Firmensicherheit zur nächsten Autobahnraststätte geschickt.

Auch dort empfängt den deutschen Fernfahrer üblicherweise die Tristesse: überfüllte Parkplätze, heruntergekommene Toiletten und - wie in Hamburg - Polizeibeamte, die ihm schon bei Überschreitung der gesetzlichen Lenkzeiten von einer Minute ein Bußgeld verpassen. Dabei bringen die durchschnittlich 57 Arbeitsstunden, die ein Fernfahrer pro Woche unterwegs ist, im Schnitt kaum mehr als einen Brutto-Verdienst von 2.000 Euro pro Monat.

Die Rache für die wenig freundliche Behandlung der 445 000 deutschen Lkw-Lenker könnten die Auftraggeber bald zu spüren bekommen. Nur noch 13.000 bis 15.000 Neulinge kommen jährlich auf den Arbeitsmarkt in Deutschland, fand eine Untersuchung der Hochschule Heilbronn im Auftrag des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen und der Fachzeitschrift "Fernfahrer" heraus. Dabei wären mindestens 25 000 nötig, um die hohen Rentner-Abgänge auszugleichen. "Das Ausscheiden von 40 Prozent der Beschäftigten in den kommenden zehn Jahren wird eine Lücke hinterlassen, die sich bei weitem nicht füllen lässt", warnte gestern der Heilbronner Professor Dirk Lohre in Berlin.

Für die deutsche Wirtschaft wäre das fatal. Anders als in Frankreich oder Italien, wo nur noch zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch Industriebetriebe erwirtschaftet wird, verdient Deutschland immer noch ein Viertel seines BIP durch Herstellung und Weiterverarbeitung von Gütern. Ohne eine funktionierende Logistik ist der Sektor gefährdet.

Zudem heizt der Onlinehandel das Zustellgeschäft zusätzlich an. Legte der Straßengüterverkehr 2010 noch 434 Billionen Kilometer in Deutschland zurück, rechnen Experten bis 2025 mit einem Lkw-Aufkommen von 500 bis 700 Billionen Kilometern. "Wir brauchen in Zukunft also eher mehr als weniger Fahrer", sagte Lohre.

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24 Kommentare zu "Mangelware Brummi-Fahrer: Es wird zu still auf deutschen Straßen"

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  • Aha, eine weitere Branche mit angeblichem Fachkräftemangel. Oder haben die jeweiligen Arbeitgeber nur Angst davor, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne bieten zu müssen?

  • Wachen Sie bitte auf.
    Es wird kein Mangel herrschen. Die Osterweiterung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Außerdem gibt es da noch das "Schengen abkommen", das die offenen wie geschlossenen Grenzen regelt. Die wird noch nicht auf alle Länder angewandt. Aber das ist das kleinere Übel.
    Da die Truckfahrer eh unterbezahlt, überarbeitet und hoffnungslos überlastet sind, nennt man das im Fachjargon: "gesellschaftlich akzeptierter Mord"

  • "57 Arbeitsstunden, die ein Fernfahrer pro Woche unterwegs ist"

    Hallo Speditionsbranche, schon mal was vom Arbeitszeitgesetz gehrt? 48 Stunden pro Woche sind da meines Wissens als Maximum festgelegt - oder hat die FDP ähnlich wie für Hoteliers und Steuerbetrüger (geplant durch Schnarre) auch für die Spediteure inzwischen Ausnahmen vom Gesetzt durchgedrückt? Kann natürlich auch sein,dass einfach nur die Zahl des HB falsch ist. Aber selbst 47 im Schnitt würde ja auf massenweise Gesetzesverletzungen hindeuten.

  • der Trend wir weiter anhalten und sich weiterfressen.

    Der Grund: mangels Einkommen und Konsum an der Basis sind höhere Preise und Löhne bei offenem Waren- Personal- und Kapitalverkehr nicht durchsetzbar.

    Wachstum bei Kapitalerträgen und Einkommen der Kapitalverwalter - Stillstand und Abbau in der konsumstarken "Mitte".

    ... der einzige, der Gegensteuern könnte wäre "Papa Staat".
    Mittels entsprechender Ausgabenpolitik - finanziert von Dr. Draghi und/oder einer Besteuerung der Reichen. (z.B. mittels einer Deckelung der Erbschaftsmasse die Kapitalerträge mehr und mehr sozialisieren)

  • Die Speditionen leiden unter der kostentreibenden Bürokratie. Die Kosten steigen enorm, führen aber nicht zu höheren Nettolöhnen der Fahrer.

    Deutsche Fahrer werden in manchen Ländern (z.B. A, CH) gegenüber osteuropäischen Fahrern gravierend benachteiligt (das trifft letztlich die Sped.-Unternehmen): kleinste Verstöße (z.B. an der Ausstattung des LKWs) werden mit gravierenden Geldstrafen geahndet. Deutsche Fahrer bezahlen, Osteuropäer sitzen die Strafe z.B. an 2 Tagen ab (weil einfach kein Geld da ist) und fahren weiter - bringen also kein Geld in die Staatskasse, sondern verursachen noch zusätzliche Kosten.

    Unabhängig davon: Die Bürokratie hat das Fernfahren zu einer Wissenschaft hochstilisiert. Die Qualifizierung zum Fernfahrer kann man wohl demnächst nur noch über einen Uni-Abschluß erlangen. Vielleicht wird der Fahrerlehrer demnächst einen Lehrstuhl an der Uni übernehmen (habilitiert zum Prof.Fernfahrer). Die Fahrlehrerlobby hat hier ganze Arbeit geleistet.

    Nach wie vor gilt: Die Lobbyisten sind stärker, besser und cleverer als unsere Politiker und Verwaltungsleute. Sonst hätten wir heute ein Bürger-freundlicheres Führerscheinwesen. Reden Sie mal mit einem Fernfahrer und die Abgas-Maut-Thematik bis hin zu Euro-6....



  • Das sind doch nur Prognosen von Lobbyisten. Wenn der Spritpreis bei 4 Euro ist, was kommen wird, dann sind die Strassen leer. Aber nicht wegen der fehlenden Brummi-Fahrer.

  • Es gibt keinen generellen Fahrermangel, sondern "nur" einen Mangel an deutschen Fahrern. Deren Löhne können trotz des Mangels nicht steigen, weil die Auftraggeber lieber auf osteuropäische Transportunternehmen ausweichen als höhere Frachtpreise zu akzeptieren. Und das ist in einem "gemeinsamen Markt" auch völlig systemkonform. Die deutschen, in der Regel mittelständischen Transportunternehmen haben es allerdings schwer, sie bekommen keinen Nachwuchs mehr und können auch kaum eine Niederlassung in Rumänien o.ä. gründen.

  • Demnächst werden eh nur noch sehr wenig Brummifahrer gebraucht.
    "Unsere" VolksverTRETER tun ihr möglichstes um ihr BRD PERSONAL engültig in den Abgrund zu treiben.....
    Da wird es leer auf den Straßen ....

  • liebe redaktion, ich hab da mal wieder eine frage: sie schreiben:
    "verzichtet er (der Staat) aber auf 80 000 Euro Steuer- und Sozialeinnahmen, die ein deutscher Arbeitnehmer gebracht hätte." können sie die zahlen mal bitte etwas erläutern?! 80.000 eur steuern und sv-beitraege entstehen bei einem jahresgehalt von etwa 135.000 eur. nach dem artikel liegt das gehalt eines brummifahrers aber eher bei 25.000 eur. das kann ich nicht nachvollziehen.

  • Wenn der Brummifahrer dann im Gegenzug mal die Arbeit des Kontrolleurs macht und sich dafür, dass er Anweisungen anderer Ausführt, beschimpfen lassen muss, dann wäre das schon eine Sache. Und wenn der Brummifahrer sich dann ins Büro hockt und Vollzeit über Akten brütet während ihn die Gesellschaft vorverurteilt, ob er seinen Job nun gut macht oder nicht.

    Alle sprechen immer über die schlechten Verhältnisse und wie wenig doch politiker tun. Aber kaun jemand engagiert sich politisch, die Zahl der Bürgereingaben ist niedrig, ganz zu schweigen von der Anzahl der Bürger, die überweiß was das ist.

    Die Höhe der Diäten mag Ihnen zu hoch sein. Aber ich glaube nicht, dass sie der in den Bundestag gewählte Brummifahrer ablehnen würde. Solche Foren wären um einiges konstruktiver wenn wir nicht immer nur bemängelten was andere tun, sondern uns viel mehr fragten wie wir in derselben Situation handeln würden.

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