Mangelware Brummi-Fahrer
Es wird zu still auf deutschen Straßen

Maue Bezahlung, knappe Freizeit: Die Arbeit des Fernfahrers klingt wenig attraktiv. Die Rache bekommen die Auftraggeber wohl bald zu spüren – denn die Zahl der neuen Brummi-Fahrer ist massiv zu niedrig.
  • 24

BerlinLaderampen von Lidl oder Aldi sind nur etwas für Brummifahrer mit starkem Selbstwertgefühl. Verspätungen quittieren die Betreiber der Discounter mit langen Wartezeiten. Und wer von den Fahrern den Waschraum aufzusuchen gedenkt, wird nicht selten mit Verweis auf die Firmensicherheit zur nächsten Autobahnraststätte geschickt.

Auch dort empfängt den deutschen Fernfahrer üblicherweise die Tristesse: überfüllte Parkplätze, heruntergekommene Toiletten und - wie in Hamburg - Polizeibeamte, die ihm schon bei Überschreitung der gesetzlichen Lenkzeiten von einer Minute ein Bußgeld verpassen. Dabei bringen die durchschnittlich 57 Arbeitsstunden, die ein Fernfahrer pro Woche unterwegs ist, im Schnitt kaum mehr als einen Brutto-Verdienst von 2.000 Euro pro Monat.

Die Rache für die wenig freundliche Behandlung der 445 000 deutschen Lkw-Lenker könnten die Auftraggeber bald zu spüren bekommen. Nur noch 13.000 bis 15.000 Neulinge kommen jährlich auf den Arbeitsmarkt in Deutschland, fand eine Untersuchung der Hochschule Heilbronn im Auftrag des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen und der Fachzeitschrift "Fernfahrer" heraus. Dabei wären mindestens 25 000 nötig, um die hohen Rentner-Abgänge auszugleichen. "Das Ausscheiden von 40 Prozent der Beschäftigten in den kommenden zehn Jahren wird eine Lücke hinterlassen, die sich bei weitem nicht füllen lässt", warnte gestern der Heilbronner Professor Dirk Lohre in Berlin.

Für die deutsche Wirtschaft wäre das fatal. Anders als in Frankreich oder Italien, wo nur noch zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch Industriebetriebe erwirtschaftet wird, verdient Deutschland immer noch ein Viertel seines BIP durch Herstellung und Weiterverarbeitung von Gütern. Ohne eine funktionierende Logistik ist der Sektor gefährdet.

Zudem heizt der Onlinehandel das Zustellgeschäft zusätzlich an. Legte der Straßengüterverkehr 2010 noch 434 Billionen Kilometer in Deutschland zurück, rechnen Experten bis 2025 mit einem Lkw-Aufkommen von 500 bis 700 Billionen Kilometern. "Wir brauchen in Zukunft also eher mehr als weniger Fahrer", sagte Lohre.

Kommentare zu " Mangelware Brummi-Fahrer: Es wird zu still auf deutschen Straßen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Aha, eine weitere Branche mit angeblichem Fachkräftemangel. Oder haben die jeweiligen Arbeitgeber nur Angst davor, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne bieten zu müssen?

  • Wachen Sie bitte auf.
    Es wird kein Mangel herrschen. Die Osterweiterung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Außerdem gibt es da noch das "Schengen abkommen", das die offenen wie geschlossenen Grenzen regelt. Die wird noch nicht auf alle Länder angewandt. Aber das ist das kleinere Übel.
    Da die Truckfahrer eh unterbezahlt, überarbeitet und hoffnungslos überlastet sind, nennt man das im Fachjargon: "gesellschaftlich akzeptierter Mord"

  • "57 Arbeitsstunden, die ein Fernfahrer pro Woche unterwegs ist"

    Hallo Speditionsbranche, schon mal was vom Arbeitszeitgesetz gehrt? 48 Stunden pro Woche sind da meines Wissens als Maximum festgelegt - oder hat die FDP ähnlich wie für Hoteliers und Steuerbetrüger (geplant durch Schnarre) auch für die Spediteure inzwischen Ausnahmen vom Gesetzt durchgedrückt? Kann natürlich auch sein,dass einfach nur die Zahl des HB falsch ist. Aber selbst 47 im Schnitt würde ja auf massenweise Gesetzesverletzungen hindeuten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%