Medienbericht
Bahn will Daten von Stammkunden vermarkten

Daten sind bares Geld wert – und auch die Deutsche Bahn will diese Währung nutzen: Der Konzern vermarktet nach einem Medienbericht die Profile von Vielfahrern. Datenschützer sind alarmiert.
  • 3

HamburgDie Bahn will nach einem Medienbericht in Zukunft auch mit den Daten ihrer Reisekunden Geld verdienen. Das Unternehmen lasse sich seit einigen Wochen neue Vertragsbedingungen von Vielfahrern mit Bahn-Card bestätigen, die auch Bahn-Bonus-Kunden seien, berichtete das Magazin „Spiegel“ am Sonntag vorab aus seiner neuen Ausgabe. Künftig sollten diese auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Werbeangebote erhalten, etwa von Kooperationspartnern wie Banken, Versicherungen oder Fastfood-Ketten.

Dem Bericht zufolge erhebt die Bahn für diese passgenaue Werbung detaillierte Daten: Der Preis der Fahrkarte werde ebenso gespeichert wie der Abgangs- und Zielbahnhof, die Wagenklasse und die Verkaufsstelle. Bahn-Datenschutzchefin Chris Newiger betonte gegenüber dem „Spiegel“, die Bahn betreibe „keinen Datenhandel“. Doch für seine Kooperationspartner will der Konzern den Kundenpool dem Bericht zufolge so gezielt analysieren, dass die Partnerfirmen ihre Angebote passgenau platzieren können.

Datenschützer äußerten sich skeptisch über die Pläne. „Hier scheint die Bahn ihre Interessen über die schutzwürdigen Interessen ihrer Kunden zu stellen“, sagte der auch für die Bahn zuständige Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix dem Magazin. Er prüft derzeit den Vorgang. Der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert sagte dem „Spiegel“, die Bahn werde sich mit dem Projekt „eine blutige Nase holen“.

Nicht nur an der Datenfront wehrt sich das Unternehmen gegen den schlechten Ruf. Bahnchef Rüdiger Grube hat anders als Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eine Erhöhung der Ticketpreise wegen der Mehrkosten für Stuttgart 21 ausgeschlossen. „Die Finanzierung von Stuttgart 21 hat nichts mit den Ticketpreisen für den Fernverkehr zu tun“, sagte Grube.

Ramsauer hatte gewarnt, die Tickets könnten teurer werden, wenn sich das Land Baden-Württemberg nicht an den Milliarden-Mehrkosten für das Bahnhofsprojekt beteiligt. Grube warf Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in einem Streitgespräch vor, die Arbeit des Konzerns zu behindern. „Es kann nicht sein, dass diejenigen, die ständig den Stock in die Speichen stecken, sich später beschweren, dass alles teurer wird.“

Kretschmann vermisst bei der Bahn und den Befürwortern des Projekts Selbstkritik. Trotz der Kostenexplosion habe er vom Konzern und CDU sowie SPD kein Wort des Bedauerns gehört. „In Japan müssten diese Leute tiefe Verbeugungen vor dem Volk machen.“ Ein Ausstieg komme aber nicht mehr infrage, erklärte Kretschmann. Er müsse sich an die Volksabstimmung halten, die die Befürworter gewonnen hatten.

Verspätungen dürften auch in Zukunft an der Tagesordnung bleiben, auch weil es an Zügen fehlt. Für die von der Deutschen Bahn bei Siemens bestellten 16 neuen ICE3-Züge gibt noch immer keinen konkreten Liefertermin. "Wir sind mit der Bahn und dem Eisenbahnbundesamt im engen Austausch, einen neuen Zeitplan zu erarbeiten", sagte ein Siemens-Sprecher der "Bild"-Zeitung vom Samstag. Es sei aber noch zu früh, einen Termin festzulegen. Die Zulassung der Züge war im Dezember überraschend gestoppt worden. Mittlerweile beträgt die Lieferverzögerung mehr als ein Jahr. Ursache sind nach Angaben von Siemens Probleme bei der Zugsteuerung. Diese werde derzeit geprüft, sagte der Sprecher der "Bild".

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Medienbericht: Bahn will Daten von Stammkunden vermarkten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wo sind eigentlich die Bürgerrechte hin? Die Privatisierung des Menschen unter dem zynischen Vorwand des Humanismus ist im fortgeschrittenen Zustand. Der Mensch zur Beute geworden des gefrässigen Kapitals.
    Die Entnationalisierung der europäischen Völker war stets begründet mit einer sozialisierten Schuld der IG Farben (damls weltgrösster Pharmakonzern) und dem Rassismus einer katholischen Elite. "Gegen Rassismus" zu sein bedeutet übersetzt: vollkommene Versklavung und industrielle Verwertung?
    Besonders verwerflich an der Plünderei der Bahn, dass das management die Unwissenheit der Bahnfahrer ausnutzt und auf die Konsequenzen sch..t.

    Wir sollten endlich das Wort Boykott ernst nehmen, denn Boykott heisst kompromisslos: Liefersperre!
    Praktisch nämlich hat die Bürokratie gar keine Macht. Wo sind die Militärs und Sturmtruppen? Die können uns nicht alle ins Gefängnis sperren! Der äussere Zwang ist nur ein innerer!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • lol, paßt doch wunderbar.
    Der Bundestag will gerade ein Gesetz verabschieden, in dem Ordnungswidrigkeiten ein Grund zum Überwachen und Ausschnüffeln sein können.
    Ist der Verkauf der Meldedaten durch die Einwohnermeldeämter eigentlich schon vom Tisch?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%