Medienberichte
Fusionieren die Börsen in London und Singapur?

Nach Medienberichten könnte bald der drittgrößte Handelsplatz der Welt entstehen. Offenbar führen die Börsen in London und Singapur Gespräche über eine Fusion. Experten bezweifeln, dass der Deal zustande kommt.
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London/FrankfurtEin Medienbericht über eine Fusion der Börsen in London (LSE) und Singapur (SGX) sorgt für Aufruhr in der Finanzbranche. Die Konzerne würden Gespräche über einen 9,2 Milliarden Euro schweren Zusammenschluss führen, durch den der drittgrößte Handelsplatz der Welt entstehen könnte, berichtete die britische Zeitung "Daily Telegraph". Experten sehen allerdings nur geringe Chancen, dass der Deal tatsächlich zustande kommt - zu viele Fusionen in der Börsenlandschaft sind in den vergangenen Jahren am Widerstand der Politik oder der Regulierer gescheitert. Auch SGX-Chef Magnus Böcker dämpfte am Freitag die Erwartungen. Er konzentriere sich mehr auf Produkte und Dienstleistungen und weniger auf Fusionen und Übernahmen, sagte er der "Financial Times".

Für die Deutsche Börse, deren Fusion mit der New Yorker Nyse im Februar am Veto der EU-Kommission scheiterte, würde sich durch einen Zusammenschluss von LSE und SGX aus Sicht von Experten wenig ändern. "Die größten Konkurrenten sind nicht andere Börsenbetreiber, sondern alternative Handelsplattformen und der außerbörsliche Handel", sagte Silvia-Quandt-Analyst Christian Muschick zu Reuters. Der Frankfurter Konzern bekräftigte, er strebe derzeit keine großen Übernahmen oder Fusionen an. Aus Sicht des Unternehmens sei es zwar grundsätzlich sinnvoll, über Grenzen hinweg zu wachsen, sagte ein Sprecher. Allerdings habe Deutschlands größter Börsenbetreiber die Erfahrung gemacht, wie schwierig es ist, dafür von den Regulierungsbehörden grünes Licht zu bekommen.

Die Deutsche Börse hat seit der Jahrtausendewende selbst zwei Mal erfolglos an einem Zusammenschluss mit der LSE gearbeitet. Heute wäre eine solche Fusion nach Einschätzung von Experten auch aus regulatorischer Sicht kaum durchzusetzen, da beide Konzerne große Abwickungshäuser für Derivate besitzen. "Man kann also nicht wirklich sagen, dass die SGX der Deutschen Börse einen potenziellen Fusionspartner wegschnappen würde," sagte Muschick. SGX-Chef Böcker und der LSE-Vorstandsvorsitzende Xavier Rolet hätten bei mehreren informellen Treffen über eine mögliche Fusion gesprochen, berichtete der "Daily Telegraph". Die Diskussionen seien aber noch in einem frühen Stadium und die Struktur eines Zusammenschlusses unklar. Da die LSE 3,4 Milliarden Euro weniger Wert ist als die SGX mit 4,6 Milliarden Euro, sei eine Übernahme der Londoner Börse wahrscheinlich, schrieb die Zeitung unter Verweis auf Marktgerüchte. Die SGX könne dabei 13,50 Pfund je Aktie bezahlen, was einen Aufschlag von 32 Prozent auf den LSE-Schlusskurs vom Donnerstag wäre. Beide Unternehmen wollten sich dazu nicht äußern.

LSE und SGX hatten kürzlich einen Kooperationsabkommen unterzeichnet und wollen unter anderem im Aktienhandel zusammenarbeiten. Auch in anderen Bereichen könne der Anbieter aus Singapur mit dem Pendant in London kooperieren, sagte SGX-Chef Böcker der "Financial Times", allerdings auch mit der Nyse, der Deutsche-Börse-Derivate-Tochter Eurex oder der Nasdaq. Eine Person aus dem Umfeld des Anbieters aus Singapur sagte, die Spitzen von SGX und LSE würden angesichts zahlreicher geplatzter Fusionen in der Branche in jedem Fall extrem vorsichtig vorgehen, bevor sie einen Zusammenschluss angehen. "Es ist nicht unmöglich, aber die regulatorischen Hürden für alle solche Deals sind hoch", sagte ein Insider.

Auch politisch wäre ein solcher Zusammenschluss brisant, zumal Kritiker seit langem Demokratiedefizite in Singapur anprangern. Der staatliche Fonds SEL ist mit rund 23 Prozent größter Aktionär der SGX. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Übernahme der LSE in Großbritannien politisch durchgeht", sagte Muschick. Schließlich habe es in London schon bei den Vorstößen der Deutschen Börse einen großen Aufschrei gegeben. (weitere Reporter: Lincoln Feast, Rachel Armstrong, Denny Thomas und Saeed Azhar; redigiert von Scot W. Stevenson)

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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